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Abtauchen in die Geschichte

Schlossquartier Abtauchen in die Geschichte

Wann kann man schon so tief in Kiels Vergangenheit schauen? Seit Bagger auf der Baustelle für den Wohnkomplex Schlossquartier anrollten und Archäologen zeitgleich jahrhundertealte Keller freilegten, nutzen viele Passanten ihre Mittagspause, um das Geschehen vom Bauzaun aus zu beobachten.

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Baustelle und archäologischer Grabungsort: Das Baufeld für das geplante Schlossquartier, auf dem Kai Brötzmann (52) den Schutt abfährt, entwickelt sich zum Magneten für Schaulustige zwischen Schloss- und Eggerstedtstraße.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Einen besonderen Schatz haben die Archäologen am Montag geborgen: Sie fanden ein Fläschchen aus dem 18. Jahrhundert – halb gefüllt mit einer sogenannten „Kronessenz“, einem Wundermittel gegen alle Gebrechen.

 Scherzend hält Grabungsleiter Marc Kühlborn den grün schimmernden Glasbehälter hoch, auf dem der Schriftzug „Kaiserlich privilegierte Altonaische W. Kronessenz“ zu lesen ist. „Das W steht für Wunder. Die sogenannte Patentmedizin stammt von einem Hamburger Schuster und Quacksalber“, berichtet er. Ein ähnliches Fläschchen ohne Inhalt barg laut Beschriftung die geheimnisvolle Medizin eines Dr. WH. Hamilton mit einer Pariser Adresse. Andere leere Flaschen, die die Archäologen zurzeit wiederholt finden, enthielten den Gerstensaft verschiedener Brauereien. Von Dorn, Eiche oder Germania – „wir graben uns durch Kieler Biergeschichte“, stellt Kühlborn fest.

 Für die Archäologen besonders interessant sind aber die Grabungsarbeiten an den Kellerresten. Gut zu sehen sind die Mauern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Der Keller, so die Vermutung Kühlborns, sei um das Jahr 1900 aufgegeben worden. Direkt daneben entdeckten sie einen Keller aus dem 15./16. Jahrhundert. Für Kiel, das bestätigen auch etliche Zaungäste, sei die Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit etwas Besonderes, zumal das Baufeld nicht weit vom Geburtsort der Stadt liegt. „Es ist die letzte große Chance, in der Altstadt mit modernen Methoden den Boden abzusuchen“, findet auch der Grabungsleiter.

 Hauke Hansen fotografiert immer wieder mit seiner Kamera die freigelegten Parzellen. Wie etliche andere Zaungäste nutzt der Finanzbuchhalter eine Pause, um vom nahegelegenen Büro an das Baufeld zu eilen: Schon bei Grabungen am Klosterkirchhof 1992 war er dabei, dokumentierte mit der Kamera Reste der alten Stadtmauer: „Ich bin historisch interessiert und sammele Postkarten von Kiel, sodass ich weiß, wie es früher hier ausgesehen hat“, sagt er und blickt dabei auf die Baugrube mit den freigelegten Kellern. Dass die so gut erhalten sind, wundert Hansen nicht: Eine Teilfläche sei 70 Jahre lang von einem Parkplatz überbaut gewesen. Auch Rüdiger Schulze, Hansens Nebenmann am Zaun, will sich als Einheimischer nicht die Chance entgehen lassen, ein Stück altes Kiel wiederzuentdecken. Ehepaar Schilling aus Gladbach wollten vom Urlaubsort St. Peter-Ording auch mal nach Kiel an die Ostsee. Jetzt stehen sie ebenfalls an der Umzäunung. Er finde Baustellen immer spannend, gesteht Wolfgang Schilling.

 Die Bauherren des 70 Millionen Euro teuren Schlossquartiers, in das ab Sommer 2018 die ersten Bewohner in die insgesamt 213 Wohnungen einziehen sollen, haben die seit Mitte März begleitenden Untersuchungen der Archäologen bereits eingeplant, sodass es zu keinen Verzögerungen kommen wird. Bisher laufen die Bauarbeiten normal, berichtet Polier Maik Hodam. Man bereite die Erdarbeiten vor und hoffe, auf nicht zu viel Wasser zu stoßen.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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