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Dreijährige Tochter nach Treppensturz verprügelt?

Schöffengericht Dreijährige Tochter nach Treppensturz verprügelt?

Hat ein Vater seine leibliche Tochter und zwei Stiefsöhne während seines siebenjährigen „Gastspiels“ in einer Patchwork-Familie grob misshandelt? Ein langer Prozess konnte am Mittwoch im Amtsgericht die Schuld des 50-jährigen Kielers nicht zweifelsfrei klären.

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Die Anklage gegen den Fernfahrer, der im mutmaßlichen Tatzeitraum 2010 bis 2014 oft wochenlang auf Tour war, wog schwer.

Quelle: Arne Dedert/dpa

Kiel. Die Konsequenz: ein Freispruch vom Vorwurf der Körperverletzung in drei Fällen. Die Anklage gegen den Fernfahrer, der im mutmaßlichen Tatzeitraum 2010 bis 2014 oft wochenlang auf Tour war, wog schwer. So soll der mittelgroße, kräftige Mann seiner dreijährigen Tochter kräftig den Hosenboden versohlt haben, als sie sich bei einem Treppensturz vom Dach- ins Erdgeschoss des Einfamilienhauses das Handgelenk gebrochen hatte.

 Martialisch klang auch der zweite Vorwurf. Danach stattete der Angeklagte nach der Heimkehr von einem Fußballspiel im Holstein-Stadion seinem heute 15-jährigen Stiefsohn einen nächtlichen Besuch im Kinderzimmer ab: Der Junge lag nach eigenen Angaben schlafend im Bett, als der alkoholisierte Stiefvater ihn brutal im Nacken und an den Beinen gepackt, hochgehoben und auf den Laminatfußboden geworfen habe.

 Der dritte Vorwurf betrifft den älteren Stiefsohn: Der 19-Jährige will vom Angeklagten immer wieder tyrannisiert und gleich nach der Schule zu stundenlangen Putz- und Gartenarbeiten gezwungen worden sein. Übersah er einen Krümel, habe er das ganze Haus noch einmal durchsaugen müssen. Dabei habe ihn der Stiefvater einmal im Nacken gepackt, gewürgt und zu Boden gedrückt.

 Überschattet wurden die Vorwürfe der Jungen durch die erbitterten familienrechtlichen Streitigkeiten der verfeindeten Ex-Partner: Die Frau, die vier Kinder von drei Männern hat und gemeinsam mit dem Angeklagten mindestens dreimal umgezogen war, will diesem jeglichen Umgang mit der gemeinsamen Tochter entziehen.

 Weil die bereits mit dem nächsten Partner verheiratete Mutter im Kampf um das alleinige Sorgerecht strikt und fest behauptet, ihre Kinder vor dem gefährlichen (Stief-)Vater retten und verstecken zu müssen, hat das Familiengericht sie psychologisch begutachten lassen. Die Einschätzung der Sachverständigen (57): Die Frau sieht sich nur als Opfer, macht den Ex-Partner für alle Fehlentwicklungen verantwortlich, neigt zu Falschaussagen und beeinflusst massiv ihre Kinder.

 „Er hat mein Konto gesperrt“, berichtete die heute achtjährige Tochter der Gutachterin. „Das sind Äußerungsaufträge“, erklärt die Psychologin, „das Kind übernimmt das Gerede in der Familie“. „Darauf können wir keine Verurteilung bauen“, kapitulierte die Vorsitzende des Schöffengerichts. „Es mag sein, dass es Übergriffe gab.“ Aber was wann wo genau passierte, sei nicht aufzuklären.

 Während auch die Staatsanwältin Freispruch forderte, sah die Rechtsanwältin der beiden Jungen, die sichtlich unter dem autoritären Angeklagten zu leiden hatten, dessen Schuld als erwiesen an. Sie forderte 60 beziehungsweise 40 Tagessätze Geldstrafe und prüft jetzt Rechtsmittel gegen das Urteil.

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