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Im Klassenzimmer auf Augenhöhe

Schüler helfen Flüchtlingen Im Klassenzimmer auf Augenhöhe

Schüler sind faul, ächten Mathe-Unterricht und Klausuren, warten auf Ferien und freie Wochenenden. So weit das Klischee. Oder aber sie sind engagiert und nutzen die Herbstferien, um freiwillig die Schulbank zu drücken – nicht als Pennäler, sondern als Lehrkräfte.

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„Ich bin stolz auf unsere Schüler“, sagt Rektorin Ina Held. Das Mittwochsteam besteht aus (hintere Reihe von links) Anna Rees, Svea Günther, Klara Lassen, Charlotte Steffin, Joshua Bolouri sowie (vorn von links) Michel Stevens, Initiator Kester Duckert und Johann Breust.

Quelle: Frank Peter

Kiel. So in Kiel: 30 Oberstufenschüler der Ricarda-Huch-Schule (RHS) bieten in der ersten Herbstferienwoche minderjährigen Flüchtlingen Deutschunterricht an. Initiator der Aktion ist der 18-jährige Kester Duckert. Durch das Projekt „Dock Kiel“ der Deutschen-Angestellten-Akademie hat der Schüler viele Altersgenossen kennengelernt, die aus ihren Heimatländern hatten flüchten müssen. „Ich bin Ehrenamtler bei ,Dock-Kiel’ und habe dadurch viel Kontakt zu Flüchtlingen in meinem Alter“, erzählt Kester. „Viele von ihnen waren traurig, dass jetzt Herbstferien anstehen und ihr DaZ-Unterricht pausieren muss.“ Also habe sich der Schüler überlegt, was man tun könnte. Nach Absprache mit seiner Familie ist er bei seiner Rektorin vorstellig geworden und hat ihr einen Vorschlag unterbreitet: „Ich fragte sie, was sie davon halten würde, wenn einige von uns RHS-Schülern in den Herbstferien jugendliche Flüchtlinge unterrichten würden.“ Schulleiterin Ina Held musste nicht lange überredet werden: „Ich finde die Idee großartig.“

 Gesagt, getan: Seit Montag findet in Klassenräumen der Ricarda-Huch-Schule ein ganz eigener Deutschunterricht statt. An einigen Tagen kommen sieben, an anderen 15 junge Flüchtlinge. Zwar haben die Schüler nun die Rollen getauscht und stecken plötzlich in der Haut von Lehrern, aber die „Deutschstunden“ laufen hier doch ein wenig anders ab. Es gibt keinen Lehrerpult, unterrichtet beziehungsweise gelernt wird auf Augenhöhe, mal gemeinsam am Tisch, mal an der Tafel. Es geht auch nicht um reinen Sprachunterricht, in dem Grammatik, Semantik und Rechtschreibung abgeklopft werden. Die Unterrichtseinheiten – jeweils 2,5 Stunden am Tag – haben einen praktischen Bezug zum Alltagsleben. Jeder Tag behandelt einen konkreten Themenblock, zum Beispiel Essen und Trinken, Musik und Instrumente oder Beruf und Schule.

 Es ist Mittwochvormittag, 11 Uhr: Bilder mit Ärzten, Piloten, Köchen und Feuerwehrmännern liegen auf dem Tisch. Daneben liegt ein Stapel Papierschnipsel, auf denen in großen Lettern die Berufsbezeichnungen stehen. Anna Rees, Svea Günther, Klara Lassen, Charlotte Steffin, Joshua Bolouri und Johann Breust, Oberstufenschüler der RHS, sitzen gemeinsam mit Muhammed Almohemed, Hüsam und Alaa Albasha an einem Tisch im Erdgeschoss der Schule. Die jungen Syrer sollen die Bilder der richtigen Berufsbezeichnung zuordnen. Es wird viel gelacht. Dass die Atmosphäre so locker ist, liegt vielleicht auch daran, dass die Jugendlichen unter sich sind. Kein Lehrer, kein Beamter, der ihnen auf die Finger schaut. Die jungen Syrer lernen, dass der „Kapitän“ in Deutschland Pilot und der „Doktor“ Arzt heißt. Vor allem lernen sich die Schüler gegenseitig kennen. Der 16-jährige Alaa ist mit seinem Bruder Hüsam (21) da. „Die deutschen Schüler sind so nett und freundlich“, erzählt Alaa. „Darüber bin ich sehr glücklich. Wir brauchen diese Hilfe wirklich.“ „Nach den Kursen unternehmen wir oft noch etwas zusammen“, erzählt Kester. Am Montag haben sie nach dem Unterricht noch Fußball gespielt. Am Dienstag wurde die Truppe von einer Kielerin zum Mittagessen eingeladen, die einen der unbegleiteten Jugendlichen als Pflegemutter bei sich aufgenommen hat. „Ich bin stolz auf unsere Schüler“, sagt Rektorin Held. „Wir haben eine sehr offene, soziale Schulgemeinschaft.“

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