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Dicke Mütter, dicke Kinder?

Schwangerschaft Dicke Mütter, dicke Kinder?

Schwangere müssen für Zwei essen – dieser Mythos hält sich hartnäckig und ist aus Sicht von Medizinern fatal. Falsche und übermäßige Ernährung und Bewegungsmangel lassen die Zahl der übergewichtigen werdenden Mütter alarmierend ansteigend.

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Experten schlagen Alarm: Auch in der Schwangerschaft sollte auf Kalorien geachtet werden.

Quelle: imago

Kiel. Darauf machte jetzt Dr. Markus Kuther, Chefarzt der Frauenklinik im Städtischen Krankenhaus Kiel, aufmerksam. Das Fatale daran: Damit steige auch die Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher. Studien hätten nämlich ergeben, dass das Risiko für Übergewicht, Adipositas und Diabetes bereits im Mutterleib angelegt werde.

 Das Problem liege im Lebensstil unserer Gesellschaft, so Kuther. Der relativ hohe Lebensstandard und die kalorienreiche Ernährung, die etwa in Form von Fastfood oder Softdrinks permanent zur Verfügung stehe, begünstige eine immer dicker werdende Bevölkerung, Schwangere eingeschlossen. „Die Schwangerschaft und falsche Ernährungsvorstellungen legitimieren das unkontrollierte Essverhalten“, sagt Dr. Kuther. „Da fallen die Hemmungen und gute Ernährungsvorsätze.“ Die Risiken, die Fettleibigkeit in der Schwangerschaft mit sich bringt, seien vielfältig: Die Kaiserschnittrate sei deutlich höher als bei normalgewichtigen Frauen, das Risiko für einen Geburtsstillstand oder eine Frühgeburt steige. Kinder übergewichtiger und adipöser Frauen kämen häufig zu groß auf die Welt, was durch die Überernährung im Mutterleib begünstigt werde. Daraus könnten Geburtskomplikationen entstehen.

 „20 Prozent der Frauen gehen bereits übergewichtig in die Schwangerschaft, weitere zwölf bis 14 Prozent sogar adipös“, bestätigt auch Prof. Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München. Dies sei Ausdruck von Über- und Fehlernährung. „40 Prozent der Frauen nehmen in der Schwangerschaft mehr zu, als empfohlen. Tendenz steigend.“ Hauner leitet die derzeit weltweit größte Interventionsstudie „GeliS“ (Gesund leben in der Schwangerschaft) mit 2200 Teilnehmerinnen, die Präventionsmöglichkeiten für Übergewicht in der Schwangerschaft untersucht. Eine Vorstudie konnte bereits zeigen, dass Ernährungsberatung ein entscheidender Baustein während der Schwangerschaft sei. Ein Teil des Problems: „Frauenärzte kennen sich wenig mit Ernährung aus und geben überflüssige Nahrungsergänzungsmittel“, so Hauner.

 Der Kieler Chefarzt Dr. Kuther geht sogar noch einen Schritt weiter: „Schwangere sind die Patienten auf der Welt, die am schlechtesten behandelt werden.“ Sie würden eine besondere Patientengruppe bilden, die gleich in mehrere medizinische Bereich falle. Es mangele jedoch an Schnittstellen. Was dringend nötig wäre, so Kuther, sei eine Verzahnung aller medizinischen Bereiche. „Zwischen 50 und 60 Prozent der Diabetesfälle bei Schwangeren bleiben unerkannt“, bedauert Kuther. Ein vorhandenes Problem werde häufig erst diagnostiziert und behandelt, wenn es akut werde. Die Trennung zwischen der stationären Versorgung in Kliniken und den niedergelassenen Ärzten sorge mit für das Problem.

 Kuther sieht einen Teufelskreis: Ohnehin dicke Frauen würden in der Schwangerschaft noch mehr zunehmen, bekämen dicke Kinder, die dann wiederum selbst irgendwann dicke Kinder zur Welt brächten. Kurzum: Die dicke Gesellschaft reproduziere sich selbst. Kuther: „Ernährung sollte zum Unterrichtsfach werden.“

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Ein Artikel von
Nelly Eliasberg

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