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Warum den Toten die Köpfe abschlagen?

Schwarze Witwe Warum den Toten die Köpfe abschlagen?

Die schwarze Witwe hat Gruseliges zu berichten. Und hier auf dem Südfriedhof in Kiel, zwischen all den Gräbern, verfehlt es seine Wirkung nicht. Anja Kretschmer, Kunsthistorikerin aus Rostock, ist die schwarze Witwe - und führt seit fünf Jahren über die Friedhöfe Norddeutschlands.

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Anja Kretschmer führt als schwarze Witwe über den Südfriedhof und erzählt dabei von der Bestattungskultur des 16. bis 19. Jahrhunderts.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Laut saugend und schmatzend lagen sie in ihren Gräbern. Alles, was sie am Leibe trugen, saugten sie auf, das Fleisch rissen sie sich von den Händen und Füßen und fraßen es. Dann kamen sie aus ihren Gräbern hervor, begaben sich zu den Angehörigen und nahmen sie mit.“ Die schwarze Witwe hat Gruseliges zu berichten. Und hier auf dem Südfriedhof, zwischen all den Gräbern, verfehlt es seine Wirkung nicht. Sind die Nachzehrer nicht wirklich zu hören? Jene Wesen aus der Zwischenwelt, vor denen unsere Vorfahren solche Angst hatten.

 Die schwarze Witwe aus dem Jahr 1889 heißt eigentlich Dr. Anja Kretschmer (34). Die Kunsthistorikerin aus Rostock führt seit fünf Jahren hauptberuflich über die Friedhöfe Norddeutschlands und erzählt über das Brauchtum, die Sitten und den Aberglauben früherer Zeiten. Im November erhielt sie für ihr „Friedhofsgeflüster“ den Kreativmacher-Preis des Kultusministeriums in Mecklenburg-Vorpommern. Am Sonnabend gab sie zum ersten Mal eine Führung in Kiel. 32 Zuhörer schauderten und staunten. Vor allem über ihre Berichte zur Bestattungskultur des 16. bis 19. Jahrhunderts: Die schwarze Witwe hatte ihren Ehemann unter die Erde gebracht und dafür gesorgt, dass er ja nicht zurückkommen werde. Dafür musste sie nach seinem Ableben die Fenster öffnen, so konnte seine Seele entweichen. Es mussten Spiegel abgehängt und die Uhr angehalten werden, um das genaue Sterbedatum festzuhalten. Die Leichenwäscherin kam und schnitt dem Verstorbenen sogar noch die Finger- und Fußnägel. Seinen Leichnam ließ die Witwe mit den Füßen zuerst heraustragen, „damit er ja nicht zurückblickte und wieder nach Hause wollte“. Die Leichenbitterin kam und erzählte Nachbarn, Verwandten, ja sogar Tieren und Pflanzen wer verstorben war, „damit der Tod das Glück des Hofes nicht mitnimmt“.

 Während die schwarze Witwe über die Bräuche aus ihrer Zeit berichtet, hängen die Regenwolken tief über den Gräbern des Südfriedhofes. Üblicherweise führt Anja Kretschmer nur nach Anbruch der Dunkelheit über Grabanlagen. Der Nachmittag in Kiel ist eine Ausnahme, doch wie bestellt regnete es ohne Unterlass und auch die Kälte hilft dabei, die Angst der Vorfahren nachzufühlen. Besonders schlimm war wohl die Furcht vor dem Scheintod, davor, lebendig begraben zu werden. Damals hätten sich Berichte über Kratzspuren in Sargdeckeln und über weit aufgerissene Münder und Augen, die man bei exhumierten Leichen entdeckte, in Europa rasend schnell verbreitet. Mit den skurrilsten Maßnahmen versuchten sich die Menschen zu schützen: Einige ließen sich einen Dolch mit ins Grab legen, andere verfügten in ihren Testamenten post mortem einen Stich ins Herz. Und wieder andere ließen sich mit offenem Sargdeckel begraben, nicht mal Erde wurde aufgeschüttet, stattdessen eine Leiter ins Grab gestellt.

 Anja Kretschmer weiß, worüber sie spricht. Die Idee zu dieser Führung kam ihr während der Doktorarbeit zur Entwicklungsgeschichte von Grabkapellen auf Stadtfriedhöfen. Daher war der Rostockerin der Südfriedhof bekannt. „Die Besonderheit hier ist der Kapellenberg. Es gibt auch andere Friedhöfe, die diese Bauwerke haben, aber die wurden meist entlang der Friedhofsmauer errichtet.“ Aber dies erfahren die Zuhörer der Führung gar nicht. Denn die schwarze Witwe berichtet nur aus ihrer Zeit. Und sie betont, dass alles, was sie sagt, der Wahrheit entspreche. So haben die Nachzehrer, die so laut saugend und schmatzend in den Gräbern lagen, tatsächlich diese Geräusche von sich gegeben. Die Menschen früher konnten ja nicht wissen, dass dies die üblichen Geräusche eines Verwesungsprozesses waren, von Fäulnisgasen und kleinen Tieren, die an den Leichen nagten.

 Damit die Nachzehrer nicht weiter ihr Unwesen treiben konnten, so glaubten die Menschen bis weit ins 19. Jahrhundert, mussten sie ein zweites Mal sterben. Des Nachts gingen sie auf den Friedhof, buddelten die Verstorbenen aus und schlugen ihnen den Kopf ab.

Termine Friedhofsgeflüster

Weitere Termine für das „Friedhofsgeflüster“ mit der schwarzen Witwe sind auf dem Kieler Südfriedhof geplant am 3.6. um 22 Uhr, am 2.9. um 21 Uhr und am 6.11. um 19 Uhr. Kosten: 12 Euro pro Person. Anmeldungen unter www.anja-kretschmer.de oder Tel. 0151/56333549.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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