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Plötzlich Fluchthafen

Schwedenkai Plötzlich Fluchthafen

Über die Ostsee direkt nach Schweden: Rund 200 Flüchtlinge sind am Donnerstag mit der Fähre vom Schwedenkai in Kiel direkt nach Göteborg abgereist – und haben so Dänemark umschifft.

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Farid, Zain und Jad mit ihren Eltern Yasmin und Kadour Molham. Der 35-Jährige wollte mit seiner Familie nach Schweden zu Verwandten.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Immer wieder breiten sie die Arme aus, um den Wind, der über die Kieler Förde weht, einzufangen. Rund 200 Männer, Frauen und Kinder , aus unterschiedlichen Ländern gekommen, mit unterschiedlichen Zielen: Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland sollen die Endstationen heißen. Gemein haben sie die Flucht vor Krieg und Armut. Und ihren zwischenzeitlichen Aufenthaltsort: Kiel.

Es ist kurz nach Mittag am Schwedenkai. Drei Busse stehen vor der Absperrung, hinter der die „Stena Scandinavica“ aufragt. Drei Busse, in denen 150 Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea sitzen. Sie sind nicht die ersten Flüchtenden hier in Kiel – schon am Morgen warteten hier etwa 50 Asylsuchende auf ihre Tickets und die Weiterfahrt gen Skandinavien. Hat man sich einmal an den Anblick der ungewöhnlich vielen Menschen am Hafenkai gewöhnt, fällt der Blick auf die Gegenstände drumherum, auf die Requisiten der Flüchtlingswanderung 2015. Kartons und Kisten voller Obst, aufeinandergestapelte Wasserflaschen, Rucksäcke und immer wieder das Handy oder ein anderes elektronisches Gerät in der Hand, um zu übersetzen.

Ahmet Al Najar (27) hat so einen elektronischen Übersetzer in der Hand und fragt sich durch die Menge der Angestellten der Reederei Stena: „Wie komme ich nach Finnland?“ Al Najar kommt aus dem Irak, er ist IT-Ingenieur und sieht seine letzte Hoffnung darin, bei seinem Onkel in Finnland unterzukommen. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich gelangte er nach Deutschland.

So unterschiedlich die Menschen hier auch sind, sie alle flüchteten über dieselbe Route und brauchten rund 20 Tage bis Deutschland. Und sie alle hatten an derselben Stelle dieselben Probleme: an der ungarisch-serbischen Grenze. „Von den Begegnungen dort bin ich immer noch traumatisiert“, sagt Al Najar. „Die deutschen Polizisten sind dagegen sehr nett.“

Etwas abseits steht ein Mann, der geschätzte 70 Jahre alt sein könnte. Fast scheint er sich unter seiner blauen Wollmütze und seiner Daunenjacke zu verstecken. Tesfamarian Kidane ist Eritreer. Er ist nicht erst seit 20 Tagen unterwegs, sondern schon seit zweieinhalb Monaten. Kidane ist aber keine 70 Jahre alt, sondern gerade einmal 53. Zwei jüngere Landsleute, die er auf dem Weg von Flensburg nach Kiel kennengelernt hat, wollen dafür sorgen, dass er bei all dem Chaos nicht untergeht und irgendwann heil bei seinem Sohn in Norwegen ankommt. „Er ist der Opa unserer Gruppe“, sagt der 26-jährige Osman Omar.

In Kiel wollen Hunderte Flüchtlinge auf die Stena Line. Hier sehen Sie Bilder.

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Zwischen dem hektischen Durcheinander aus Polizisten, Stena-Angestellten, Journalisten und Schaulustigen streckt ein kleiner Junge seinen Arm aus und schaut begeistert zum Himmel. Farid ist fünf Jahre alt und seit mehr als drei Wochen auf der Reise. Trotz aller Strapazen verlangt er in diesem Moment nach der Aufmerksamkeit seines Vaters, denn dort oben hat er einen Hubschrauber gesehen. Die syrische Familie Molham will nach Schweden. Ob sie dort auch bleiben wird, ist allerdings ungewiss. „Wir haben Familie in Schweden, aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, werden wir ziemlich sicher nach Deutschland zurückkehren“, sagt der 35-jährige Kadour Molham. Warum? „Wir haben viel erlebt. In Ungarn und Serbien hat man uns behandelt wie Menschen zweiter Klasse“, erzählt er sichtlich aufgewühlt.

Dann plötzlich wird Kadour Molham bestimmter: „Ich möchte, dass das jeder weiß: Nirgendwo wurden wir so gut behandelt wie in Deutschland. Die deutschen Polizisten waren nie grob oder unhöflich. Die Menschen hier sind so nett. Danke an die Polizisten und danke an Merkel“, sagt Molham, der in Syrien Richter war. „Ich kann mir keinen besseren Ort für meine Familie vorstellen.“

In diesem Moment kommt die Kielerin Aysel Sengül-Seehusen herbei. Sie ist Anwältin und hat aus ihrem Büro das Treiben auf dem Schwedenkai gesehen. Sie fragt, ob sie helfen kann, aber keiner weiß so recht wie. Die Anwältin geht, ist aber nach einer halben Stunde wieder da und verteilt Schokolade an die Kinder. Und Farids Augen strahlen.

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Tagesprotokoll
Foto: Die Flüchtlinge wollen von Kiel aus weiter nach Schweden.

Da der Zugverkehr zwischen Deutschland und Dänemark nur eingeschränkt läuft, versuchten Hunderte Flüchtlinge über Fähren nach Schweden zu gelangen. Die ersten sind am Donnerstag mit der Stena Line von Kiel nach Göteborg gefahren. Die Polizei übernahm ihre Kosten.

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