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Schweinswal-Tod: Delfin unter Verdacht

Kieler Förde Schweinswal-Tod: Delfin unter Verdacht

Eine ungewöhnlich hohe Anzahl von toten Schweinswalen sorgt derzeit für Rätselraten. Acht Tiere wurden in den vergangenen Wochen an den Küsten rund um die Kieler Bucht entdeckt. Völlig unklar ist, ob Delfin Fiete etwas damit zu tun hat.

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Für die kleineren Schweinswale sind Delfine eine Gefahr.

Quelle: Thorsten Peuster

Kiel. „Erstaunlich ist der unterschiedliche Zustand der Totfunde“, sagt der Kieler Meeresbiologe Prof. Boris Culik (57). „Fünf Tiere sind frische Totfunde. Vier davon zeigen keine äußeren Verletzungen auf.“ Auch der Influenza-Virus, der derzeit den Kegelrobben zu schaffen macht, könnte die Ursache sein. Einige der Schweinswalfunde lagern nun im Kühlhaus in Büsum. Dort am Forschungs- und Technologiezentrum Westküste sollen sie seziert werden, um Klarheit zu bekommen.

  Der erste tote Schweinswal wurde am 18. September in Hohenfelde östlich von Schönberg entdeckt. Tags darauf sahen Spaziergänger an der Kiellinie in Höhe des Geomar-Instituts das zweite Tier. Der letzte Fund wurde am Sonntag vor einer Woche in Möltenort gemeldet. Dort sichteten Heidi Steenbeck (43) und ihr Freund Andreas Christoph (47) gegen 14 Uhr den treibenden Schweinswal an der Außenmole und wurden aktiv. Nach etlichen vergeblichen Telefonaten mit der Wasserschutzpolizei, dem Geomar-Aquarium und dem Zoologischen Museum besorgten sich die beiden passionierten Angler ein Boot und schleppten den toten Meeressäuger zur Slipanlage im Hafen.

„Wir hatten Sorge, dass er abtreibt oder leichte Beute für Möwen wird“, erzählt Heidi Steenbeck. Mit einem geliehenen Zollstock wurde das Tier vermessen. „Es ist 1,10 Meter lang“, so Heidi Steenbeck. „Und irgendwie sieht es aus der Nähe wie eine Katze aus.“ Nachdem bis 17 Uhr niemand mehr zur Bergung kam, meldeten sie den Fund am Montagmorgen beim Hafenmeister. Dieser kümmerte sich abermals um die Abholung. Die Bergung des Kadavers führte schließlich ein Seehundjäger durch. „Wir erfuhren von der Wasserschutzpolizei, dass wir das tote Tier auf keinen Fall hätten anfassen sollen. Wir hätten uns infizieren können.“

Hier wurden tote Schweinswale gefunden

 Äußerst genau verfolgt Delfinexperte Boris Culik auf Facebook die aktuellen Sichtungen, egal ob von Schweinswalen oder dem Delfin Fiete. „Beim letzten Totfund wurde Fiete kurz vorher genau dort gesehen“, erzählt der Fachmann. „Von Videos aus Kanada und Schottland wissen wir, dass Delfine Schweinswale töten. Auch unser Delfin schwamm vorher vor Dänemark im Kleinen Belt und hat zusammen mit zwei Artgenossen einen Schweinswal umgebracht.“

Warum Delfine Schweinswale angreifen

Warum Delfine ihren kleineren Verwandten ans Leben wollen? „Da gibt es drei mögliche Gründe“, so Culik. „Erstens könnte der Schweinswal als Nahrungskonkurrent gesehen werden. Das ist aber eher unwahrscheinlich, da Angler und Stellnetzfischer zurzeit von ausreichend Nahrung berichten. Die zweite Möglichkeit ist, dass Delfine in den Schweinswalen Jungtiere sehen. Wir wissen, dass die Bullen fremde Babys umbringen, um sich selbst zu vermehren. Ist das Junge tot, setzt der Zyklus bei den Weibchen wieder ein.“

 Aber auch eine dritte Möglichkeit käme infrage: „Delfine wollen oft so ähnlich wie Katzen einfach nur spielen. Oft wissen sie dann aber wohl nicht, wann sie aufhören müssen“, so Boris Culik. „So wie die großen Tümmler im Delfinarium Bälle mit ihren Schwanzflossen in die Luft schießen, machen sie das in der Natur auch mit Schweinswalen. Durch die Schläge und Stöße sterben die Schweinswale dann an inneren Verletzungen und Brüchen. Das würde auch erklären, warum man oft keine äußeren Wunden sieht.“

Delfin Fiete ist nicht ganz ohne

 „Dass Delfine Schweinswale töten, ist filmisch dokumentiert“, sagt auch Dr. Andreas Pfander aus Kappeln. „Delfine sind nicht lustig. Auch der hiesige ist nicht so ganz ohne.“ Sei ein einzelner Delfin unterwegs, gebe es vier Stufen im Verhalten, so der Mediziner. „Sie tauchen irgendwo auf, kommen immer wieder, suchen den Kontakt zum Menschen und lassen irgendwann den Menschen nicht mehr aus dem Wasser.“ Der Chirurg im Ruhestand warnt deshalb vor dem unbedachten Umgang mit Fiete.

 Prof. Ursula Siebert (50), die in Büsum die Funde sezieren wird, kann schon jetzt sagen, dass bisher kein Hinweis auf eine Influenza-Epidemie vorliegt. Noch aber kämpft sie sich durch die Kadaver. 70 Stück lagen bis vor Kurzem noch in den Kühlkammern. Im Dezember rechnet sie mit den Ergebnissen. „Bei den Totfunden werden wir genau überprüfen, ob diese durch eine Interaktion mit einem Delfin verletzt wurden.“

 Claus Müller (60), Leiter des Ostsee Info-Centers in Eckernförde, macht vor allem die lang anhaltenden Ostlagen für die Häufigkeit der Schweinswal-Totfunde verantwortlich. „Unsere Förde ist wie ein Trichter. Wenn tote Tiere lange genug an der Oberfläche treiben, landen sie immer bei uns.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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