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Futter aus Kiel für Online-Zocker

SealMedia GmbH Futter aus Kiel für Online-Zocker

20 Millionen Menschen sind bereits in die virtuelle Welt der „Bastards of Hell“ abgetaucht, haben in 140 Ländern mit anderen Usern zu „Colts of Glor“ gegriffen und unwissentlich Online-Spiele genutzt, die von kreativen Köpfen in Kiel entwickelt, programmiert und vermarktet werden.

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Andreas Przybylla (33) testet, ob die Spielsequenzen grafisch einwandfrei sind und auf den jeweiligen Smartphones optimal laufen.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Im Mai vor zehn Jahren gründeten Boris Zander und Timo Lembcke die SealMedia GmbH und haben seither mehr als 30 Spiele im Netz veröffentlicht.

 Es ist eine Kieler Erfolgsgeschichte aus Bits und Bytes: „Als 2003 die ersten Browser-Games veröffentlicht wurden, also Spiele, die man live im Internet spielt, da wussten wir, das ist der neue Markt“, sagt Zander. „Da wollten wir mitmischen“, ergänzt Lembcke. Beide hatten sich 1994 kennengelernt – auf dem Arbeitsamt. „Dort absolvierten wir gemeinsam eine Ausbildung zum Fachangestellten im Bereich Arbeitsförderung“, berichten sie. Grafische Ideen für ihr erstes Online-Game hatten beide bereits, auch Features für die Handlung entwickelten beide bei geselligen Runden bei dem einen oder anderen Bierchen. „Unser Problem war nur, dass wir nicht programmieren konnten – und es bis heute nicht können“, sagt Zander. Hilfe holten sie sich bei einem gemeinsamen Freund, mit dem sie an nur vier Wochenenden ihre Fantasie umsetzten und das Online-Spiel „Mafia 1930“ aus der virtuellen Taufe hoben.

 Das Konzept kam an, die beiden Kieler hatten den richtigen Riecher gehabt: Im Januar 2005 ging das Spiel an den Start, knackte binnen weniger Wochen die Millionen-User-Marke. „Wir haben das Spiel dann rasch an einen großen Online-Entwickler verkauft, haben 100000 Euro kassiert – das Startkapital für unser eigenes Unternehmen“, berichtet Zander. Der 37-Jährige bezeichnet dies bis heute als absolut richtigen Schritt: „Andere Existenzgründer müssen erst bei Banken vorsprechen und Kredite aufnehmen – wir konnten bequem mit einem – für damalige Verhältnisse – satten Finanzpolster starten.“

 Bereits 2006 veröffentlichte SealMedia das erste selbst entwickelte Online-Spiel – „Pirates 1709“, das übrigens bis heute noch im World-Wide-Web gespielt wird. „Sicher ist die virtuelle Welt optisch und technisch nicht mehr auf der Höhe der Zeit, doch es gibt einen harten Kern von Fans, die es bis heute spielen“, sagt Lembcke. 30 Spiele haben die Kieler in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht – nicht alle waren erfolgreich, räumen die beiden Unternehmer ein. „So etwas kann man ohnehin schlecht kalkulieren, es hängt von der Community im Internet ab und sicher auch vom Zeitgeist, welche Themenwelten gerade gefragt sind, welche nicht“, berichtet Lembcke. Zur Not müsse man spontan sein, gegebenenfalls nachjustieren oder komplett umdenken: „Wir hatten ein Mafia-Spiel entwickelt, das in den 1930er-Jahren in den USA spielte, das zu unserer Überraschung aber überhaupt nicht lief. Als ich während eines US-Urlaubs erstmals im Fernsehen die Serie ,Sons of Anarchy’ sah, kam ich zur Überzeugung, wir sollten einmal ein Rocker-Game konzipieren“, plaudert Zander aus dem Nähkästchen. Lang dauerte die Realisierung nicht: „Wir haben einfach Makros unseres Mafia-Spiels genommen, neue Figuren und Handlungen entwickelt – und heute ist ,Bastards of Hell’ unser erfolgreichstes Spiel“, verrät der junge Familienvater.

 Das bloße Spielen der Games ist übrigens kostenlos. Geld verdienen die Firmen durch sogenannte Coins, die die Online-Spieler kaufen können, um im Spiel benötigte Rohstoffe, Waffen oder virtuelle Arbeitskräfte bezahlen zu können. „Wer sich beispielsweise in einem Spiel ein Haus bauen möchte, kann dies tun – die Bauzeit allerdings durch Bezahlung beschleunigen“, erläutert Zander.

 Acht Mitarbeiter beschäftigt SealMedia – aktuell richtet das kleine Team den Fokus auf ein neues Feld: „Der Trend der Nutzer geht zunehmend in Richtung Mobile-Games, das heißt: Sie wollen auf dem Smartphone spielen“, sagt Lembcke. Es gebe immer weniger Nutzer, die abends am Rechner oder am Laptop spielen würden. Eins zu eins übertragen lassen sich die Spiele vom stationären Computer aber nicht auf Tablets. Vor allem grafisch seien die Anforderungen ganz anders. Im Sommer soll das erste Handy-Spiel aus Kiel auf den Markt kommen, in dem es um Söldner gehen wird. Ob es ein „Lucky Punch“, also ein Bestseller und ein Durchbruch auf dem weltweiten Markt wird, „diese Hoffnung hat man immer“, sagen die beiden Unternehmer. Blicken beide zurück, habe es in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Aufs und Abs gegeben. „Einen Investor wollten wir aber nie, damit wir unser eigener Herr bleiben können“, sagen die Unternehmer. Ein Geldgeber hätte mutmaßlich auch nicht der Programmierung eines Lernspiels für Kinder zugestimmt, das ebenfalls noch 2015 veröffentlicht werden soll. „Damit lässt sich leider kaum Geld verdienen, das ist mehr etwas Persönliches“, sagt Lembcke.

 115000 Menschen spielen pro Tag Online-Games der Kieler Firma. Die meisten sind zwischen 25 und 40 Jahre alt, vier von fünf Nutzern sind Männer. Wichtig sei es, auch in den kommenden Jahren möglichst früh Trends zu erkennen. Zander: „SmartWatches wie jetzt von Apple sind kein Zukunftsmodell für den Spielemarkt, ganz anders sieht es aber bei den Multimedia-Brillen aus. Noch ein paar Jahre Forschung und das wird der nächste große Hit für Spiele-Produzenten.“

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