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Mit „Hempels“ an der Straßenecke

Selbstversuch Mit „Hempels“ an der Straßenecke

Die Nacht vor meinem Selbstversuch war unruhig. Am Morgen beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Heute nehme ich den Platz einer „Hempels“-Verkäuferin an der Rolltreppe am Ende der Holstenstraße ein. Was mich erwartet, weiß ich nicht.

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Das Monatsende ist nicht die beste Zeit für einen „Hempels“-Verkäufer: Florian Sötje ist für einige Stunden in die Rolle des Verkäufers geschlüpft.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Meine Winterjacke habe ich gegen eine alte Regenjacke getauscht, die gefütterten Stiefel durch ein ausrangiertes Paar aus dem Keller ersetzt. Sieht so jemand aus, der „Hempels“ verkauft? Zumindest Mütze und Umhängetasche mit dem „Hempels“-Schriftzug geben mir ein Gefühl von Glaubwürdigkeit. Es braucht ein wenig Überwindung, dann stehe ich an meinem Platz und bringe meinen Verkäuferausweis gut sichtbar an der Jacke an.

Das mulmige Gefühl verfliegt schnell. Die ersten Passanten schlendern an mir vorbei. Jedes Mal versuche ich Blickkontakt aufzubauen und ein nettes Lächeln aufzusetzen. Doch niemand schaut zurück. Warum sollten sie auch? Ich bin ein Fremder. Wie oft bin ich schon an dieser Stelle auf die gleiche Weise an einem „Hempels“-Verkäufer vorbeigegangen? Ich spüre, dass ein Lächeln oder ein Nicken mir viel bedeuten würde.

Ich hinterfrage mich selbst

Die Zeit vergeht, nichts passiert. Plötzlich nehme ich einen älteren Herren wahr, der an seiner Jackentasche herumnestelt. Ich hoffe, er zückt sein Portemonnaie, doch lediglich ein Taschentuch kommt zum Vorschein. Die vergangenen zwanzig Minuten kommen mir vor wie eine Stunde. Einige der Passanten fixieren im Vorbeigehen die Titelseite des Magazins. Andere drehen sich auf der Rolltreppe noch einmal um. Vielleicht würden sie ein Exemplar kaufen, wenn der Titel ein anderer wäre – oder der Verkäufer. Ich hinterfrage mich selbst. Was soll das hier?

In Gedanken versunken, merke ich zunächst nicht, dass sich eine Frau von links nähert. „Wie viel kostet das Heft?“ fragt sie, streckt mir aber prompt ihre offene Hand mit zwei Ein-Euro-Stücken entgegen. „1,80“, antworte ich, leicht übertölpelt. Den Restbetrag darf ich behalten. Mein erstes verkauftes „Hempels“-Magazin, ein gutes Gefühl.

Kurz darauf hält eine junge Mutter mit Kinderwagen vor mir. Sie drückt mir zwei Münzen in die Hand. „Bitte, das Heft können sie behalten“, sagt sie. Es ist mir unangenehm, auch wenn ich das Geld am Ende des Tages bei den „Hempels“-Verantwortlichen abgeben werde. Allmählich merke ich die Kälte. Der Wind zieht von der Seite in meine Jacke, die kalte Luft erfasst Finger und Füße.

Ende des Monats ist nicht die beste Zeit

Wieder kommt eine Frau auf mich zu. „Hab’ ich schon“, meint sie entschuldigend und deutet auf das Heft. Es ist Ende Januar. Nicht die beste Zeit für einen „Hempels“-Verkäufer. Wer die Ausgabe jeden Monat erwirbt, hat bereits ein Exemplar. Doch dann zahlt sich das Warten aus. Zwei verkaufte Hefte später sind meine Gedanken für kurze Zeit nicht bei meinen kalten Händen und Füßen.

Nach drei Stunden fühlen sich meine Beine steif an. Den Blickkontakt zu den vorbeieilenden Passanten suche ich längst nicht mehr. Eine halbe Stunde noch, denke ich mir, dann ist Schluss. Es lohnt sich. Ich verkaufe zwei Hefte und bekomme etwas Geld zugesteckt. Besonders freue ich mich über die Münzen einer Jugendlichen, die kurz zuvor an mir vorbeigegangen war. Sie fährt mit der Rolltreppe zurück und legt mir 1,80 Euro in die Hand. „Das ist für Sie“, sagt sie mit einem Lächeln und fährt wieder hinauf.

Ein guter Abschluss. Ich habe fünf Hefte verkauft, ebenso oft bekam ich Geld in die Hand gedrückt. Bin ich damit zufrieden? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Wie es ist, ein „Hempels“-Verkäufer zu sein, kann man nicht in dreieinhalb Stunden herausfinden. Aber ich werde zukünftig stärker darüber nachdenken.

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Straßenmagazin
Foto: Kalle (links) gibt täglich Exemplare des Straßenmagazins über den Tresen an die Verkäufer. Mittlerweile ist die Auflage landesweit auf etwa 20 000 gestiegen.

Seit 20 Jahren gilt das Straßenmagazin „Hempels“ als Familie und Sprachrohr für die, die sonst keine Lobby haben: Menschen im Teufelskreis von Armut, ohne festen Wohnsitz und vielen anderen Problemen. In der Wohnsitzbeschaffung wollen die Verantwortlichen jetzt aktiv werden.

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