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Ein Stückchen Coventry in Kiel

Serie „Einheimisch“ Ein Stückchen Coventry in Kiel

Der Norden ist mehr als das Klischee vom schrulligen Bügelbiertrinker oder wettererprobten Halligbewohner. Menschen aus unterschiedlichsten Nationen sind hier heimisch geworden. In unserer Reihe „Einheimisch“ stellen wir einige vor – diesmal Martin Wesson aus England.

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Martin Wesson in seinem Kieler Pub.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Am 4. November 1970 gab es dieses denkwürdige Fußballspiel: Coventry City gegen Bayern München im „Inter-Cities Fairs Cup“, damals ein europäischer Wettbewerb der Messestädte, den manche als Vorläufer der heutigen Europa League sehen. An diesem 4. November jedenfalls schlug das Team aus Coventry, der Heimatstadt von Martin Wesson, die Elf aus München. „Und ich war dabei!“, sagt Martin Wesson, und seine Augen leuchten in der Erinnerung an diesen Triumph noch heute. Auch wenn es am Ende nicht reichte für Coventry, weil schon das Hinspiel in München zu hoch verloren gegangen war: „Aber Beckenbauer und Müller waren da!“

 Selbstverständlich hängt die Meldung darüber heute noch an der Wand des „Strongbow’s Beer & Cider Pub“ von Martin Wesson in der Kieler Schauenburger Straße. Und genauso selbstverständlich ist der Engländer Wesson auch noch immer Mitglied im internationalen Fanclub der „Sky Blues“, wie der Verein nach seinen himmelblau-weißen Vereinsfarben heißt. Die Verbundenheit zum Heimatort, an dem noch die Eltern leben, und den Wesson einmal im Jahr besucht, ist noch da. Es gibt auch noch andere Erinnerungsstücke im Pub zu sehen: das dunkle Holzgestühl, das zwei traditionellen Pubs in Coventry nachempfunden ist, die von vielen Würfen langsam zerbröselnden Dart-Scheiben und die riesige Flagge Großbritanniens an der Decke. Fragt man den umtriebigen Besitzer Martin Wesson, der immerzu auf dem Sprung zu sein scheint, dabei schnell und viel redet, wo er sich zu Hause fühlt, dann lautet die Antwort aber weder England noch Deutschland, sondern so: in meinem Pub. Hier kommen sie zu ihm. So wie früher, als er zeitweise in London hinterm Tresen stand, Bier zapfte und nicht bediente! Dieser Unterschied ist ihm ganz wichtig. „Man bedient nicht – nicht in London. Es herrscht Selbstbedienung!“, sagt Martin Wesson, und man sieht das Ausrufungszeichen hinter dem Satz förmlich in der Luft hängen. Und dann er sagt noch: „Ich habe viele Leben gehabt.“

 Das erste natürlich in Coventry. 315000 Einwohner, ziemlich genau in der Mitte Englands verortet, Partnerstadt von Kiel. Hier wurde Wesson 1955 geboren. Hier begann er nach Ausbildung und Arbeit bei einer Bank mit seinen selbstständigen Geschäften. Einen Stand mit Baked Potatoes, gebackenen Kartoffeln, wollte er in der Stadtmitte betreiben. Allein, die Stadtverwaltung wollte keine mobilen Geschäfte in der Innenstadt zulassen. Für Wesson ein Unding. Bis heute kann er sich über Bürokratie furchtbar ärgern und an vielen Vorschriften reiben, die seiner Meinung nach inzwischen auch in Deutschland überhandnehmen.

 Damals wagte er den Sprung ins Ausland, arbeitete zeitweise in Deutschland und Frankreich. 1984 war er für die Stadt Coventry zum ersten Mal mit einem Stand auf dem Internationalen Markt der Kieler Woche vertreten. Auch auf Weihnachtsmärkten in München oder in amerikanischen Kasernen von Bremerhaven bis Berlin war er bald mit seinem Stand präsent und fand Deutschland „toll“: „Es war viel liberaler als bei uns.“ In London schlossen die Pubs um 23 Uhr, in Coventry sogar schon eine halbe Stunde früher: „Gluck, gluck, wie in einer Legebatterie!“, sagt er und lacht. Auch wenn sich nicht immer alle daran hielten, wie er schmunzelnd erzählt: „Ein Club lag genau gegenüber der Polizeistation. Die haben mit uns getrunken. Nur wenn etwas über Funk kam, mussten wir alle leise sein, damit keiner merkte, wo sie waren.“ In Deutschland zog Martin Wesson zunächst nach München. Die Freundlichkeit und Lockerheit dort gefielen ihm. Dann verlagerte er seinen Wohnort nach Hamburg, weil er viel im Norden zu tun hatte. 1999 kam schließlich die Gelegenheit, zusätzlich zu Bier- und Imbiss-Ständen zunächst mit einem Partner das ehemalige Kieler Lokal „Lever dod as Slav“ zu übernehmen und daraus einen englischen Pub zu machen. Als auch die Wohnung darüber frei wurde, wurde sie sein neues Zuhause, in dem er heute mit Lebensgefährtin Heidi lebt. Seine 14-jährige Tochter wohnt mit ihrer Mutter nicht weit entfernt.

 Immer noch ist Martin Wesson viel in ganz Deutschland beruflich unterwegs. „Mein Sozialleben in Kiel spielt sich im Pub ab. Wenn ich Fußball gucken will, gehe ich in den Pub. Da ist es relaxt.“

 Welches Bild hatte er von Deutschland, bevor er das erste Mal kam? Das typische Klischeebild der englischen Presse mit den großen Buchstaben, die noch immer so oft an die Nazi-Zeit anknüpft? „In allen Comics, die ich als Kind gelesen habe, haben die Germans vom Held eins drauf bekommen. Meine ersten deutschen Wörter waren Donner, Blitz und elender Schweinehund“, erinnert sich Martin Wesson.

 Ansonsten wusste er noch, dass „Deutschland ein Industriestaat ist und ’Made in Germany’ für Qualität steht“. Noch während seiner Schulzeit habe der Lehrer für Sprachen es abgelehnt, Deutsch an seiner Schule unterrichten zu lassen. Heute spricht Wesson es fließend. Sein Vater schaut gerne im „History Channel“ im TV Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg an. „Er war dabei, als Coventry zerbombt wurde, und hat sich zur Luftwaffe gemeldet. Aber er ist nicht hasserfüllt. Es war seine Jugend, deswegen guckt er“, so Wesson. Die ganze Familie hat heute vielen Verbindungen zu Deutschland: „Wir sind drei Brüder, und alle haben zeitweise in Deutschland gelebt, alle drei Enkelkinder wurden in Deutschland geboren.“

 Bliebe noch zu klären, wie es mit der angeblichen Vorliebe der Briten für Menschen mit einem Spleen steht. Ist was dran? „Ich hoffe doch sehr“, sagt Martin Wesson, „weil ich einer von denen mit Spleen bin.“ Zumindest dürfte es als außergewöhnlich gelten, Mitglied eines Clubs von Menschen gleichen Namens zu sein. Die „Martin Wesson Society“ hat außer ihm noch genau zwei weitere Mitglieder: Einer ist Australier und lebt in Berlin; der andere ist ein „verrückter Amerikaner“, Metal-Fan und wohnt in Texas.

 Und wie steht es um den berühmten britischen Humor? „Der ist schon sehr wichtig, der hilft einem zu überleben. Über manches kann man nur lachen!“, versetzt Martin Wesson. Im Pub ist es inzwischen noch etwas dämmeriger geworden. Da blitzt besagter Humor noch einmal auf. Ist es hier eigentlich immer so dunkel? Antwort: „Das ist die Idee.“

Von Beate Jänicke

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