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Zwischen Stigma und Elite

Sexarbeiterinnen Zwischen Stigma und Elite

Zuvor hatte er einen Film über Nonnen gedreht, nun tourte er mit einer Dokumentation über eine Frau, die Sex gegen Geld anbietet, durch Deutschland. Zum Abschluss ihrer Reise zeigten Regisseur Sobo Swobodnik und seine Protagonistin Lena Morgenroth am Freitagabend den Film „Sexarbeiterin“ im Kino der Kieler Traum GmbH.

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Regisseur Sobo Swobodnik präsentierte seinen Film über Sexarbeiterinnen im Kino.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Die erste Szene zeigt einen gewaltigen Orgasmus. Unmittelbar darauf ist Lena Morgenroth beim Stricken zu sehen. Sobo Swobodnik macht das, was Dokumentarfilmer tun: Er zeigt Facetten der Wirklichkeit. In diesem Fall eine sehr selbstbewusste und sehr intelligente junge Frau, die sich entschieden hat, sexuelle Dienstleistungen anzubieten.

Auf Lena Morgenroth aufmerksam wurde Swobodnik, als er sie in einer Fernseh-Talkshow sah. Und er sagte sich:  „Sie ist jung, sie sieht ganz gut aus, sie ist top-qualifiziert, sie hat alles, was die Elite unserer Gesellschaft ausmacht, und sie entscheidet sich für den Beruf, der in unserer Gesellschaft am meisten stigmatisiert ist.“ Der Regisseur betrachtet das als „feministische Großtat“, wollte zeigen, welcher Mensch dahintersteckt. Und er wollte darauf aufmerksam machen, dass es „sehr oft“ Frauen gibt, die selbstbewusst und selbstbestimmt als Sexarbeiterinnen tätig sind.

Auch Lena Morgenroth war im Traum-Kino dabei und berichtete in aller Sachlichkeit über ihren Werdegang. Über ihr frühes Interesse an alternativen Formen von Sex, über ihre jahrelang nur im Kopf ausgelebte Faszination für erotische Massagen, mit denen sie heute ihr Geld verdient. Vor ein paar Jahren, als ihr Stipendium auslief, machte Lena Morgenroth einen Kurs, probierte es aus und fand es nach eigenen Worten „wirklich schön“. Als nach dem Studium die Frage nach dem beruflichen Weg anstand, entschied sie sich dafür, trotz Informatik-Diploms nicht „den ganzen Tag vor einem Computer zu sitzen“, sondern Sexarbeit zu machen. Männer und manchmal auch Frauen lassen sich von ihr massieren, das Gefühl, der Kundschaft wirklich etwas Gutes zu tun, stellt sich für die Berlinerin fast immer ein: „Man merkt, dass sie es schön finden.“

Tanja, eine seit mehr als 20 Jahre aktive Domina aus Hamburg, hat sich „sehr wiedergefunden“ in dem Film. Nach dem Abitur als Schifffahrtskauffrau tätig, dann nebenberuflich ins Geschäft mit Sex eingestiegen, inzwischen längst überzeugt, dass dies für sie persönlich genau das Richtige ist. Seit einiger Zeit arbeitet Tanja auch als Sexualbegleiterin und kümmert sich um Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung. „Unheimlich wichtig“ sei das für diese Kunden, betont sie.

Und unheimlich schön fänden es die beiden Sexarbeiterinnen, wenn der von Sobo Swobodnik sensibel und herausragend ästhetisch inszenierte Film zu einem anderen Verständnis beitragen und Sexarbeit als zwar spezielle, aber im Grunde ganz normale Berufstätigkeit erscheinen lassen würde.

Organisiert wurde der Abend vom städtischen Referat für Gleichstellung und der Sexarbeiterinnen-Beratungsstelle des Frauennetzwerks zur Arbeitssituation.

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