19 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Spielstationen sollen aufklären

Sexuelle Gewalt in Schulen Spielstationen sollen aufklären

Sexuelle Gewalt ist in diesen Tagen das Thema. Doch weit schlimmer als die Übergriffe in der Silvesternacht sind die erschreckenden Zahlen, die Ursula Schele, Leiterin des Kieler Präventionsinstituts Petze, am Dienstag zitierte: „In jeder Schulklasse sind laut Statistik zwei bis drei Mädchen und ein bis zwei Jungen von sexuellem Missbrauch betroffen.

In der Ausstellung „Echt Klasse“ beschäftigen sich Grundschulkinder mit dem sonst so oft tabuisierten Thema sexualisierte Gewalt, erfahren etwas über ihre eigenen Grenzen und lernen, nein zu sagen.

Quelle: Petze

Kiel. “ Mit der überarbeiteten Ausstellung „Echt Klasse“, die Dienstag in der Muhliusschule eröffnet wurde, sollen Grundschülern Wege aus diesem Problem gezeigt werden.

Kinder können sich nicht gegen Erwachsene wehren. „Und schon gar nicht gegen strategisch vorgehende Sexualstraftäter.“ Die wichtigste Botschaft der Ausstellung laute daher: „Hilfeholen ist kein Petzen“. Das betonte Schele und verwies auf ihre Einrichtung als Initiator, die den provokanten Namen Petze aus diesem Grunde trage. Und sie lieferte eine weitere erschütternde Zahl: „Aus der Forschung wissen wir, dass Kinder bis zu acht Erwachsenen von dem Missbrauch erzählen müssen, bis ihnen geglaubt wird.“ Der Grund: „Mütter wollen das nicht hören, vor allem nicht, wenn so etwas im Nahbereich passiert, also vom Kindesvater, dem Partner oder einem netten Nachbarn ausgeht.“ Daher sei das Hauptziel der Initiatorinnen, sich mit der Ausstellung an Erwachsene zu wenden: „Wir wollen Eltern und Pädagogen informieren und stärken.“ So werde die Ausstellung durch Lehrerschulungen und Elternabende begleitet. Man müsse natürlich damit rechnen, dass sich von Missbrauch betroffene Kinder in den Wochen und Monaten nach dem Ausstellungsbesuch an ihre Lehrer oder Eltern wenden. „Das ist natürlich unsere Hauptmotivation für diese Ausstellung“, so Schele.

Schulleiter Henning Rose ist „durchaus bewusst, dass statistisch gesehen mehrere Kinder auch in der Muhliusschule vom Missbrauch betroffen sein müssten“. In den 17 Jahren, die er als Lehrer arbeite, habe er aber noch von keinem einzigen Fall erfahren. „Jetzt freue ich mich, mit meiner dritten Klasse durch die Ausstellung zu gehen“, sagte der 45-jährige Pädagoge. „Und ich bin gespannt, was danach passiert. Einerseits wünscht man sich nicht, dass Kinder betroffen sind; andererseits möchte man, dass sich Kinder uns Lehrern anvertrauen, damit wir helfen können.“

Seit zwölf Jahren tourt die Ausstellung durch die Republik, 20000 Kinder sehen sie pro Jahr. Nun wurden die sechs Spielstationen mit Hilfe einer Spende der Ikea-Stiftung in Höhe von 30000 Euro gründlich überarbeitet. „Aber nur optisch, denn nach wissenschaftlichen Untersuchungen sind unsere Inhalte nach wie vor richtig“, sagt Ursula Schele. Neben der Aussage „Wer schlau ist, holt sich Hilfe“ bleiben die Hauptbotschaften an die Kinder: „Du bist nicht schuld, verantwortlich sind die Erwachsenen. Dein Körper gehört Dir. Es gibt gute und schlechte Geheimnisse, angenehme und unangenehme Berührungen. Du darfst nein sagen und darüber reden, wenn du willst.“

Präventionsarbeit für Kinder habe allerdings nicht nur positive Seiten, sondern könne durchaus kontraproduktiv sein, merkt Schele kritisch an. „Je mehr Prävention, desto mehr reden Kinder darüber.“ So hätte die Polizei in der Vergangenheit mit Anfragen zu tun gehabt, in denen Kinder über Fälle berichteten, über die sie zuvor aufgeklärt worden waren (Beispiel: „Der Mann im dunklen Auto wollte mich mitnehmen“). Wenn sich durch Recherchen die Aussagen dann nicht bestätigten, könne es dazu führen, dass diesen Kindern bei einem späteren Ernstfall nicht mehr geglaubt werde, warnte Schele. Die derzeitige Diskussion um sexuelle Gewalt gegenüber Frauen empfinde sie als sehr emotionalisiert: „Wenn es um sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder geht, versuchen wir diese Themen immer sehr sachlich, sehr klar und sehr selbstwertstärkend zu behandeln.“ Natürlich müsse bei Kindern die Vermittlung spielerisch laufen.

Für Christa Wanzeck-Sielert, Leiterin des für die Lehrerfortbildungen zuständigen IQSH-Zentrums für Prävention, sei es vor allem wichtig, dass die Kinder nicht ängstlich aus der Ausstellung herausgehen, sondern mit einem Wissenszuwachs: „Der Spaß muss im Vordergrund stehen.“

Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Kieler Förde

Schiffspositionen in
der Kieler Förde, dem
NOK und der Ostsee.

Anzeige