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Aus vollem Überfluss

Share Economy Aus vollem Überfluss

Teilen als neue Form des Habens: Die Share Economy wehrt sich gegen eine verschwenderische Gesellschaft, ohne sich den Freuden des Konsums zu verschließen. Teilen, tauschen, schenken: ein Besuch im Glückslokal am Kieler Lorentzendamm.

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Adriana Szymanski (li.) und Nina Lage-Diestel packen regelmäßig im Glückslokal mit an. Sie nehmen die Kleidung entgegen, sortieren sie ein und beraten auch gerne – alles ehrenamtlich, versteht sich.

Quelle: Frank Peter

Kiel . Das Tagesmotto klingt verlockend: Auf einer schwarzen Tafel am Eingang steht in rosaroter Schrift: „Schenk dich glücklich“, und obwohl der Laden in den ehemaligen Werkstatträumen der alten Muthesius-Kunsthochschule erst vor einigen Minuten geöffnet hat, drängen sich bereits rund 50 Menschen stöbernd durch die schmalen Gänge. Mitten im Getümmel steht Nina Lage-Diestel und freut sich über den Andrang. „Eben ist eine Frau mit meiner alten Laptop-Tasche aus dem Laden gegangen. Für mich gibt es nichts Schöneres, als wenn meine alten Sachen noch einen Nutzen haben und sie jemand sinnvoll gebrauchen kann“, sagt sie und strahlt. Eigentlich arbeitet die 29-Jährige rund 30 Stunden in der Woche als Anwaltsgehilfin. Beim Aufbau des Glückslokals war sie aber schon von Beginn an dabei. Das ehrenamtliche Engagement nach ihrem regulären Job ist für sie kein Problem. „Das Projekt ist schließlich unser Baby.“

Profitabel ist dieses Baby allerdings nicht. Aber das ist auch nicht das Ziel des Vereins. Das Glückslokal-Prinzip ist simpel und basiert auf Nachhaltigkeit: Alte Kleidung, Schmuck, Spielzeug, Bücher oder Deko, die nicht mehr gebraucht werden, können hier abgegeben werden und finden so wieder einen neuen Nutzer. Im Tausch können sich die Mitglieder für einen Monatsbeitrag von drei Euro bei jedem Besuch drei neue Sachen aus dem Sortiment heraussuchen und diese mit nach Hause nehmen. Alice Kaatz war schon nach wenigen Minuten erfolgreich. Zufrieden hält sie eine blaue Häkeljacke in der Hand, über ihrem Arm baumelt ein bunter Schal. Die 31-Jährige ist selbst Mitglied im Glückslokal und kommt regelmäßig vorbei. „Hier wird alles sinnvoll verwertet. Außerdem möchte ich keine neue Kleidung aus Bangladesch kaufen und dadurch auch noch die katastrophalen Arbeitsbedingungen vor Ort unterstützen“, sagt sie und schaut lieber weiter nach den passenden Accessoires im Used-Look. Bezahlen muss sie ihre Fundstücke nicht. „Heute sind alle Sachen sogar für Nicht-Mitglieder kostenlos. Es geht ja schließlich ums Schenken“, erklärt Nina Lage-Diestel.

Umringt von den Stangen voller Stoff kommt beim Besuch im Glückslokal zwangsläufig eine Frage auf: Ist Kleidung ein Paradebeispiel für Überfluss-Gesellschaft? „Nein“, sagt Stefan Koorth, Leiter des Prognosezentrums im Kieler Institut für Weltwirtschaft. „Zum heutigen Nutzwert der Kleidung gehört die Abwechslung – das ist schlichtweg Ausdruck unseres Reichtums. Würde man beim Konsum der westlichen Länder immer nach dem Nutzen fragen, könnte man rund 90 Prozent davon in Frage stellen.“

Auch beim Glückslokal geht es nicht um reinen Konsumverzicht. Höchstes Ziel der Mitglieder ist es aber, noch brauchbare Sachen sinnvoll wiederzuverwerten, um auf diese Weise ein klares Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft zu setzen und Nachhaltigkeit aktiv zu leben – Share Economy par excellence. Damit treffen die Kieler den Nerv der Zeit: Eigener Besitz wird für viele Menschen immer unwichtiger. Laut einer Studie von TNS Emnid für den Bundesverband der Verbraucherzentralen für das Jahr 2015 können sich neun von zehn Menschen gut vorstellen, Dinge zu verleihen oder zu teilen. Statussymbole haben sich verschoben und verlieren insbesondere in Großstädten ihren Reiz. Anstatt ein eigenes Auto zu besitzen, teilt oder leiht man es sich lieber. Dieser Trend trifft auf immer neue Bereiche: Essen, Wohnen, Urlaub oder Werkzeug sind nur einige Beispiele. Für die Gesamtwirtschaft stelle das keine Gefahr dar, sagt der Weltwirtschaftsexperte Koorth. „Share Economy ist nicht – wie viele befürchten – eine Wachstumsbremse, sondern genau das Gegenteil. Was wirtschaftliches Wachstum ausmacht, ist, mit knappen Ressourcen immer mehr Konsummöglichkeiten zu schaffen. Bei der Share Economy geht es  lediglich darum, bestimmte Sachen gemeinschaftlich zu nutzen. So werden knappe Güter effizienter und ressourcenschonender genutzt.“ Geld könne dadurch an anderer Stelle investiert werden – zum Beispiel in weitere Konsumgüter oder eine Reise.

Und trotzdem hat sich auch der persönliche Konsum der Glückslokal-Mitglieder insgesamt gewandelt. „Neue Kleidung kaufe ich so gut wie gar nicht mehr. Bei Lebensmitteln achte ich darauf, möglichst nichts wegzuwerfen“, sagt Lage-Diestel und sortiert weiter Schuhe von A nach B. Während der Trubel zwischen den Kleiderstangen, Bergen an Hosen und T-Shirts, Schals und Gürteln weitergeht, drängt sich die wichtigste Frage auf: Macht das Glückslokal tatsächlich glücklich? Für Nina Lage-Diestel liegt die Antwort auf der Hand. „Schenken schüttet Endorphine aus, es macht Spaß, und man freut sich daran, anderen eine Freude zu bereiten. Ich bin dann glücklich.“

Diese Endorphine versuchen auch die Foodsaver aus Kiel freizusetzen. Der Apfel hat eine Druckstelle, das Brötchen ist schon etwas zäh, und der Käse hat bereits einen trockenen Rand:  Bei vielen Menschen landen solche – eigentlich noch genießbaren – Lebensmittel im Müll.  In privaten Haushalten sind das etwa 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr – rund  81,6 Kilogramm pro Kopf. Zählt man die Abfälle aus dem Handel und den der Großverbraucher hinzu, geht der Dokumentarfilm „Taste the waste“ sogar von 20 Millionen Tonnen Abfällen im Jahr aus. Gleichzeitig leiden nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 925 Millionen Menschen weltweit an Hunger und Unterernährung. Die Foodsaver aus Kiel haben dieser Lebensmittel-Verschwendung den Kampf angesagt. In Kooperation mit etwa 28 Geschäften sammeln die Aktivisten in der Landeshauptstadt  am Ende eines Verkaufstages die noch brauchbaren und nicht verkauften Lebensmittel ein und verteilen sie im Anschluss an Bedürftige und Freunde. So konnten im ersten Jahr über die Plattform foodsharing.de in der gesamten Republik bereits 25 Tonnen Lebensmittel vor der Deponie gerettet und sinnvoll weiter verwertet werden. Gemeinsam gegen Lebensmittelverschwendung ist auch das Motto der Facebook-Gruppe „Foodsharing Kiel“, in der rund 2000 Kieler Essen als Geschenk oder zum Tausch anbieten – eine Möglichkeit, einen vollen Kühlschrank bei längerer Abwesenheit nicht verkommen zu lassen.

„Share Economy ist eine gute Idee um Ressourcen zu schonen. Das gesamte Konsumsystem wird es aber nicht ins Wanken bringen, denn schließlich kann man nicht alles teilen“, sagt Stefan Koorth. Es sind Veränderungen im Kleinen, die zumindest zum Nachdenken anregen sollen. Nachdenklich sehen auch Annemarie Koske und Eline Seelig aus. Beide sitzen auf der Couch am Ausgang des Glückslokals und füllen einen Mitgliedsantrag aus. „Die Zeit ist einfach gekommen“, sagt Eline Seelig. Ein neues T-Shirt, ein Kleid oder ein schickes Armband findet sie vielleicht schon beim nächsten Besuch – mit ein wenig Glück.

Reger Austausch im Netz

Ob Kleider, Autos, Bohrmaschinen, Wohnungen oder Essen – die Anzahl der Plattformen für Tausch- und Teilliebhaber steigt immer weiter an. Hier finden Sie eine Übersicht.

www.tausch-dich-fit.de

Diese Tauschplattform ist für Kinder und Jugendliche mit Infos rund um die Themen Wirtschaft und Handel.

www.dietauschboerse.de

DieTauschbörse bietet die Möglichkeit, Artikel kostenfrei untereinander zu tauschen.

www.airbnb.de

Bei Airbnb können auf der ganzen Welt Unterkünfte gebucht oder vermietet werden – mittlerweile in mehr als 33 000 Städten.

www.frents.com 

Ein soziales Netzwerk, das die Möglichkeit bietet, alles zu benutzen, was im eigenen Freundeskreis und der Nachbarschaft zur Verfügung steht.

www.couchsurfing.com

Schlafen auf der Couch und nicht im Hotel: Bei Couchsurfing sind mittlerweile rund sechs Millionen Menschen in mehr als 100 000 Städten aus der ganzen Welt angemeldet.

www.wir.de

Bei wir.de lautet das Motto Leihen und Helfen in der Nachbarschaft – egal ob es Gartenarbeit, eine Bohrmaschine oder ein Babysitter ist.

www.kleiderkreisel.de

Auf  kleiderkreisel.de  wird Secondhand-Bekleidung getauscht und verkauft.

www.lifethek.de    

Bei LifeThek können Alltagsprodukte gegen eine Leihgebühr auf Tagesbasis ausgeliehen werden. Im Sortiment befinden sich ausschließlich ökologische Produkte.

www.fairleihen.de

Fairleihen ist eine gemeinnützige Leihplattform und auch als App für Android- und Apple-Geräte erhältlich.

www.bookelo.com

Mit bookelo, dem Social Book Sharing Network, können Bücher mit anderen Menschen in der Umgebung ausgetauscht werden. (kma)

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