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Wenn Graffiti anerkannte Kunst wird

Stadt gibt Fläche frei Wenn Graffiti anerkannte Kunst wird

Nach und nach vollzieht sich ein Paradigmenwechsel in Kiel. Lange Zeit wurde Graffiti selbst auf legalen Flächen nur insofern geduldet, als man sich davon einen Rückgang der wilden Sprühereien erhoffte.

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Sper One am Werk: Auf dem Beton der Schwentinebrücke setzt er einen Entwurf eines bosnischen Freundes um.

Quelle: Martin Geist

Dietrichsdorf. Nun setzt sich die Erkenntnis durch, dass es einen solchen Zusammenhang überhaupt nicht gibt. Sehr wohl, so betont Kulturreferent Rainer Pasternak, ist Graffiti aber eine anerkennenswerte Form von Kunst.

 Obwohl auf vielen Autobahnabschnitten bis zum Gehtnichtmehr gerast werden darf, wird in geschlossenen Ortschaften oftmals zu schnell gefahren. So ähnlich ist das auch mit Graffiti: Wenn es an bestimmten Stellen erlaubt ist, schließt das nicht aus, dass tatsächliche oder vermeintliche Künstler ihre Tags an nicht freigegebenen Wänden setzen. Mit legalen Flächen das Illegale einzudämmen, „das hat in ganz Deutschland noch nie funktioniert“, sagt André Seemund, der sich seit Jahren der Förderung der Kieler Streetart-Szene verschrieben hat.

 Nun ist er froh, dass ein „enormer Fortschritt“ erreicht wurde. Die Stadt Kiel hat gestern die Pfeiler und Widerlager der neuen Schwentinebrücke unterhalb der Bundesstraße 502 offiziell für Graffiti-Künstler freigegeben. Zur Verfügung stehen dort an beiden Ufern des Flusses weit mehr als 100 Quadratmeter bemal- und besprühbarer Beton, schätzt Rainer Pasternak, der dies als echten Akt der Kulturförderung betrachtet: „Jetzt kommt endlich mal die Graffiti-Kunst zum Zug.“

 Das geschah in der Tat prompt. Gleich gestern nahmen sich mehrere profilierte Angehörige der Szene das Bauwerk vor, um es mit großflächigen Motiven zu versehen. Sper One, so nennt sich einer von ihnen mit Künstlernamen, war am mittleren Pfeiler zugange. Nicht nur mit Phantasie und Sprühdosen, sondern auch mit einer Skizze. Ein Freund aus Bosnien fertigte den Entwurf, der nun diesen Teil der Brücke ziert. Was für den 33-Jährigen durchaus eine Umstellung bedeutete. Während er selbst die Kunst der ruhigen Hand pflegt, erforderte das bosnische Werk betont schwungvolles Vorgehen: „Da muss man sich dran gewöhnen.“

 Wie lange die gestern in fünf-, sechsstündiger Arbeit entstandenen Werke zu sehen sein werden, weiß indes kein Mensch. Wenn die Künstler fertig sind, verewigen sie ihre Arbeit mit der Kamera und überlassen im Zweifel anderen das Feld. Eine ungeschriebene Regel besagt zwar, dass der Übermalende möglichst etwas Besseres hinterlassen sollte als sein Vorgänger, doch durchhalten lässt sich dieses Prinzip schon im Interesse der Nachwuchsförderung nicht. Regeln gibt es darüber hinaus so gut wie keine. Abgesehen von der Selbstverständlichkeit, dass Farbdosen und andere Utensilien nicht am Schwentineufer zurückgelassen werden dürfen.

 Dass in Kiel zum Thema Graffiti ein Umdenken eingesetzt hat, beweist nicht nur der Ortsbeirat Neumühlen-Dietrichsdorf, der sich laut Mike Preuß von der Linken einhellig für die Brückenkunst ausgesprochen hat. Weitere Anfragen nach legalen Flächen liegen der Stadt aus den Ortsbeiräten Pries/Friedrichsort, sowie Ravensberg/Brunswik/ Düsternbrook und Gaarden vor.

 Eine kleine Fläche für legale Graffiti gibt es seit etwa eineinhalb Jahren am Fuß der Gaardener Brücke an der Hörn. Größere Entfaltungsmöglichkeiten bieten städtische Betonwände im Ellerbeker Schwanenseepark und an einer Fußgängerbrücke über dem Ostring.

 Zudem plant das Kulturreferat einen Test mit Graffiti, das ohne festes Mauerwerk auskommt. Gedacht ist an stabile Kunststofffolien etwa vor Jugendtreffs, die sich wegen ihrer Backstein-Hülle weder bauphysikalisch noch künstlerisch fürs Besprühen und Bemalen eignen.

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