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Selbst Kieler erfahren viel Neues

Stadtführungen Selbst Kieler erfahren viel Neues

Ernst Mühlenbrink kann nicht einfach nur so durch Kiel schlendern. Jedenfalls nicht, ohne Geschichten zu erzählen über Häuser, Plätze, Straßen, Parkanlagen, die auf dem Weg liegen. Und weil er offenbar gut und viel erzählen kann, hat er als einer der ganz wenigen professionellen Stadtführer Kiels mittlerweile eine riesige Fangemeinde.

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Das Revolutionsdenkmal „Wik“ von Hans-Jürgen Breuste im Ratsdienergarten ist bei den historischen Stadtführungen von Ernst Mühlenbrink eine der wichtigsten Stationen. Denn hier ließen sich die Brüche der Stadt durch Marine und Krieg besonders sinnfällig nachvollziehen und erklären.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Die Fangemeinde darf sich wieder freuen auf weitere ungewöhnliche Führungen, die ins aktuelle „Kultursommer“-Programm aufgenommen wurden. Aber auch die persönliche Geschichte des historisch so beschlagenen Autodidakten ist erzählenswert.

 Die erste erstaunliche Erkenntnis dabei: Ernst Mühlenbrink ist alles andere als ein Kieler Jung, sondern gebürtiger Hannoveraner. Aber als er 1975 aus persönlichen Gründen in die Landeshauptstadt zog und in diesen ersten Tagen lange auf die Förde blickte, entschied er aus dem Bauch heraus: „Hier will ich bleiben.“ Doch es dauerte noch eine ganze Weile, bis sich ihm diese „enorme Vielfalt auf kleiner Fläche“ Schleswig-Holsteins vollständig erschloss – und zu seinem Lebensinhalt wurde.

 Der Grund dafür ist ebenfalls ungewöhnlich: Langeweile. Denn seine Berufstätigkeit als Mitarbeiter im damaligen Arbeitsamt oder im Statistischen Landesamt füllten ihn nicht aus („...es war eine Qual“). Nach Feierabend zog es ihn in Bibliotheken und Archive, er las dicke Bücher, studierte Dokumente, Abhandlungen. Und machte sich haufenweise Notizen. Die könnte er zwar heute noch zur Vorbereitung auf Führungen nachschlagen in den dicken Aktenordnern, muss es in aller Regel aber nicht. Denn der 70-Jährige verfügt offenbar über eine spezielle Begabung: „Was ich einmal geschrieben habe, bleibt im meinem Kopf. Das Wissen kann ich jederzeit abrufen.“

 Das wandhohe Regal im Wohnzimmer ist von Belletristik mittlerweile vollständig befreit. Romane haben längst keinen Platz mehr in dieser beeindruckenden Sammlung mit lauter Fachbüchern zur Stadt-, Landes-, oder Kunstgeschichte – oder zur Landwirtschaft. „Denn Schleswig-Holstein ist ein Agrarland. Das prägt bis heute seine Geschichte.“ Und schon beginnt Ernst Mühlenbrink zu erzählen über die kunsthistorisch interessanten Güterdistrikte im Unterschied zu den kargen Schwachbauernlandschaften ohne einen einzigen Kirchturm.

 Längst hat sich sein Radius für Führungen auch im Auftrag von Reiseveranstaltern weit über die Stadtgrenzen bis hin nach Mecklenburg-Vorpommern ausgeweitet. Doch Kiel fühlt sich der leidenschaftliche Sammler zeitgenössischer Kunst nach wie vor besonders verbunden. „Ich bin der Stadt verpflichtet, sie hat mir so viel gegeben: gute Luft, jeden Tag im Sommer ein Bad in der Förde. Wer hat das schon? Kiel verdient, besser vermarktet zu werden. Dabei helfe ich als eine Art Verkäufer.“

 Manchmal kommen bis zu 100 Besucher zu seinen von der Stadt angebotenen geschichtsträchtigen „Verkaufsveranstaltungen“. Selbst eingeborene Kieler staunen bei den Führungen oft über bislang Unbekanntes zu ihrer Heimatstadt. Zum Beispiel, dass Kiel früher eine von vielen Teichen durchzogene Stadt war, die aber aufgrund der regen Bautätigkeiten größtenteils zugeschüttet wurden. Oder dass der Schreventeich (ursprünglich Grevensdiek, also Grafenteich) einstmals zur exklusiven Wasserversorgung des Stadt-Adels durch Leitungen direkt in deren noble Behausungen diente, während das gemeine Volk Wasser an Sammelstellen abholen musste. Oder dass das Damperhof-Viertel seine Bezeichnung von einem gleichnamigen Landwirtschaftsgut ableitet, das ab 1842 der ersten planmäßigen Stadterweiterung weichen musste.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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