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Familienpatin: „Das tut mir einfach gut“

Stadtteilnetzwerk Familienpatin: „Das tut mir einfach gut“

Immer mehr Schleswig-Holsteiner brauchen Unterstützung im Alter oder in der Familienphase, aber es gibt immer weniger professionelle und familiäre Helfer. Eine Lösung bietet das Stadtteilnetzwerk in der Holtenauer Straße Kiel, das Familienpaten vermittelt.

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Ein starkes Team: Brigitte Moll trifft sich regelmäßig mit Lola und Amon, wenn die Eltern nicht zuhause sind. Für Lola und Amon eine Ersatz-Oma, für Brigitte Moll eine „schöne Be(s)tätigung“.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. In Schleswig-Holstein nimmt die Zahl der unter 65-Jährigen bis 2015 deutlich ab. Gleichzeitig wird die Zahl der Älteren stark zunehmen: 2025 ist jeder Vierte im Rentenalter. Folge: Immer mehr brauchen Unterstützung im Alter oder in der Familienphase, aber es gibt immer weniger professionelle und familiäre Helfer. Wollen wir ein menschenwürdiges Alter in gewohnter Umgebung ermöglichen und junge Menschen zu Nachwuchs ermutigen, muss Unterstützung anders organisiert werden. Eine Lösung: das Stadtteilnetzwerk in Kiel.

Das Quartier rund um die Holtenauer Straße ist beliebt. Auch Bärbel Pook fühlt sich hier zuhause. Als der Ruhestand anstand, hat sich die Landesbeamtin gefragt: Wegziehen oder bleiben? Schnell stand fest: Sie wollte in ihrem Kieler Stadtteil älter werden. „Doch dazu brauche ich Menschen und Gleichgesinnte in der Nähe – und eine sinnvolle Aufgabe“, sagt die 66-Jährige. Beruflich war sie lange mit dem Thema Wohnen befasst. Und sie hat erlebt, dass in Deutschland der Staat erst mit der Pflegeversicherung einspringt, wenn der Hilfebedarf schon hoch ist. Doch die meisten Älteren brauchen lange vorher Unterstützung: beim Schreibkram, weil die Augen nicht mehr wollen. Beim Tragen von schweren Einkäufen. Beim Einschrauben einer Glühlampe. Oder sie sehnen sich nach Gesellschaft, weil sie kaum noch die Wohnung verlassen können. Bärbel Pook hat aber auch bei Jüngeren Unterstützungsbedarf gesehen: bei Zugezogenen, die sich einsam und fremd fühlen. Oder bei Familien, die keine Verwandten in der Nähe haben. Ein Bürgernetzwerk, fand die Kielerin, könnte den Stadtteil noch lebenswerter machen. Doch wie stellt man das auf die Beine?

 Heute, fünf Jahre später, sagt Brigitte Schwartz vom Netzwerk: „Man braucht vor allem Menschen, die aufgeschlossen sind. Außerdem einen Überblick über alle Angebote im Stadtteil, eine Struktur – wir haben einen gemeinnützigen Verein gegründet – und möglichst eine Anschubfinanzierung.“ Die Initiative hatte Glück: 2012 bekam sie Geld aus dem Bundesprogramm „Zuhause im Alter“ und richtet damit einen Netzwerkladen mitten im Stadtteil ein. Er ist seither Anlaufpunkt für die, die Hilfe suchen, und die, die etwas von ihrer Zeit, ihrem Wissen oder Können abgeben wollen. Wie Mareike Laumert.

 Die Lehrerin ist zurzeit in Elternzeit, wollte sich aber weiter für die Gemeinschaft mit Kindern engagieren. Im Stadtteilnetzwerk fand sie die ideale Möglichkeit: Jetzt koordiniert sie dort die Familienpatenschaften, bringt Menschen zusammen wie Brigitte Moll und Familie Kästner. Wenn die berufstätigen Eltern eine Betreuung für die drei Kinder brauchen, springt die Rentnerin unkompliziert ein. „Man wird noch gebraucht und gehört dazu – das tut mir einfach gut“, sagt Brigitte Moll. Auch Monika Klinge sieht ihr Engagement nicht als Einbahnstraße. Sie koordiniert die Nachbarschaftshilfe für Senioren und besucht gerade eine alte Dame, um herauszufinden, welche Patin am besten zu ihr passen könnte.

 Neben der Vermittlung von ehrenamtlicher Hilfe bietet das Stadtteilnetzwerk auch zahlreiche Aktivitäten wie Zeitungsfrühstück, Walking- und Wandergruppe, Literaturkreis, philosophischer Salon oder Deutschunterricht für Flüchtlinge. „Jeder kann sich hier einbringen und neue Menschen kennenlernen. Das größte Problem ist eigentlich, Hilfe annehmen zu können. Daran müssen sich viele erst gewöhnen“, sagt Annemarie Becker-Freiseng vom Stadtteilnetzwerk.

Stadtteilnetzwerk Kiel

 Das Stadtteilnetzwerk sucht noch Familienpaten. Interessierte können sich am Donnerstag, 9. Juni, 17 bis 18.30 Uhr, im Netzwerk-Laden in Kiel, Holtenauer Straße 69, informieren. Telefon 0431-26098664, www.stadtteilnetzwerk-niki.de.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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