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Fernwärme-Frust ebbt nicht ab

Stadtwerke Kiel Fernwärme-Frust ebbt nicht ab

Die Umstellung auf ein neues Fernwärme-Preissystem sorgt weiter für Frust bei etlichen Kunden der Kieler Stadtwerke. In Einzelfällen beträgt die Preissteigerung laut Verbraucherzentrale bis zu 100 Prozent. Satte 65 Prozent mehr soll Michael Jäger aus Kiel-Mettenhof bezahlen, er hat kein Verständnis.

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Julia Buchweitz, Juristin der Verbraucherzentrale Kiel, berät den Mettenhofer Michael Jäger, der gegen eine Vertragsänderung bei der Fernwärme kämpft. Der 54-Jährige kritisiert auch die Haltung der Stadt, die 49 Prozent der Anteile an den Stadtwerken hält: „Die Politik sollte sich ihrer Verantwortung bewusst sein, stattdessen macht sie Wärme als Teil der Daseinsvorsorge fast unbezahlbar.“

Quelle: Sven Janssen

Kiel. "Das ist modernes Raubrittertum eines Monopolisten“, sagt der 54-jährige Bauingenieur. „Wir haben Verständnis für den Kundenärger und tun alles, um das neue System verständlich zu erklären“, sagt Stadtwerke-Sprecher Sönke Schuster. 6000 Verträge für 70000 Kunden würden derzeit bis 2019 je nach Laufzeit des alten Vertrages gekündigt und neue Angebote vorgelegt, 3000 Verträge seien bereits angepasst. „Nur sehr wenige Kunden haben daraufhin gekündigt und sind auf alternative Angebote wie Gas- oder Ölheizungen umgestiegen“, sagt Kai Kistenmacher, Vertriebsleiter der Stadtwerke.

Aus den Reaktionen der Kunden auf das neue Preissystem, das sich unter anderem aus einem Arbeitspreis und einem Leistungspreis zusammensetzt, habe das Unternehmen Konsequenzen gezogen: „Wir informieren jetzt viel frühzeitiger und bieten eine individuelle persönliche Beratung an, um unsere errechneten Werte gegebenenfalls an neue Gegebenheiten vor Ort wie Modernisierungen anzupassen“, sagt Kistenmacher. Dazu werde im Bedarfsfall eine sogenannte Heizkostenlastberechnung zugrunde gelegt. „Wir wollen keine Kunden im Regen stehen lassen, müssen aber unsere Wärme nun marktpreisgerecht und nicht mehr quersubventioniert verkaufen“, betont Sprecher Sönke Schuster.

Verbraucherschützer zweifeln viele Kündigungen an

Hunderte Fernwärmekunden, die wie Michael Jäger kein Verständnis für die Preisanhebung haben, hat die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein (VZSH) seit 2013 beraten. „Wir halten viele der Kündigungen allein aus formalen Gründen für unwirksam“, sagt VZSH-Juristin Julia Buchweitz. Zudem könnte die „erhebliche Preissteigerung auf eine Ausnutzung der Monopolstellung der Stadtwerke hindeuten und ist deshalb rechtsmissbräuchlich“. Da es sich bei den Kündigungen und neuen Angeboten aber immer um Einzelfallentscheidungen handele, müsste jetzt ein Gericht entscheiden. „Mit einem Urteil, das dann auch auf weitere Verträge Einfluss haben könnte, rechne ich im kommenden Jahr“, sagt Buchweitz. Zudem müssten nach Ansicht der Verbraucherschützerin „sehr schnell“ eine Schlichtungsstelle für Verbraucher und eine unabhängige Preiskontrolle installiert werden.

Die Landeskartellbehörde ermittelt zurzeit gegen die 53 Fernwärmeunternehmen im Land wegen gravierender Preisabweichungen. Die Stadtwerke Kiel sehen dem Ergebnis, das in einem halben Jahr vorliegen soll, gelassen entgegen: „Die Behörde kann uns hier eher helfen, als unser Preissystem zu gefährden, weil wir im Bundesvergleich immer noch günstiger als der Durchschnitt sind“, sagt Schuster. Für Michael Jäger ist das kein Trost: „Auch wenn ich es mir leisten könnte: Faktisch ist ein Wechsel auf eine anderes System zur Wärmeerzeugung kaum möglich und extrem teuer – und genau darauf setzen die Stadtwerke doch.“

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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