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Lange Geschichte und ein Doppelmord

Städtische Krankenhaus Kiel Lange Geschichte und ein Doppelmord

Das Städtische Krankenhaus Kiel feiert am Freitag seinen 150. Geburtstag mit einem Festakt. Anlass genug, einen Blick auf die Geschichte zu werfen.

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So sah die Kinderstation des Städtischen Krankenhauses in Kiel im Jahr 1913 aus. Ein Jahr zuvor war der fünfte Pavillon mit 80 Betten gebaut worden.

Quelle: Jörg Rathjen

Kiel. Die Keimzelle für das Städtische Krankenhaus Kiel (SKK) lag 1865 noch ländlich gelegen außerhalb des damaligen Stadtgebietes: Die Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde richtete in einer neuen Zwangsarbeiteranstalt drei Räume für die Pflege erkrankter „Arbeitsscheuer“ ein. Die karge Krankenstube von einst wandelte sich über 150 Jahre zur heutigen Hightech-Klinik – ein Spiegelbild auch der Stadtgeschichte. Mit einem Festakt würdigt das Städtische Krankenhaus am Freitag den großen Geburtstag.

Der Historiker Jörg Rathjen brachte bereits 2012 eine Chronik über das Krankenhaus heraus, die zum jetzigen Jubiläum aktualisiert wurde. In seinem Buch „Das Städtische Krankenhaus 1865 – 2015. Von der Krankenstube zum kommunalen Gesundheitsunternehmen“ bietet er einen tiefen Einblick in die wechselvolle Geschichte des SKK. Dessen Geburtsstätte zwischen Hasseldieksdammer Weg und Kronshagener Weg ist geblieben, nur liegt sie heute mitten in der Stadt.

Nichts mehr erinnert an die Ursprünge der Krankenanstalt mit 25 Betten, die mit vergitterten Fenstern und einer drei Meter hohen Hofmauer wie ein Gefängnis wirkte. 1871 ging die Zuständigkeit auf die Stadt über, die nach der Ausrufung zur Reichsmarinestadt eine Bevölkerungsexplosion und damit ein Anschwellen der Patientenströme erlebte. Um die notwendige Erweiterung der Klinik zu ermöglichen, kam ein Grundstück nach dem anderen dazu. Der schrittweise Ausbau auf 300 Betten folgte ab 1894 den vom ärztlichen Direktor, Prof. Georg Hoppe-Seyler, ausgearbeiteten Plänen. Damals, hielt Rathjen fest, wurden in der Krankenanstalt beispielsweise 60 Tuberkulose-Fälle behandelt, 125 Patienten hatten Syphilis, 243 Tripper, und bei 71 Menschen wurden „Geisteskrankheiten“ diagnostiziert. Von der Vergabe von Quecksilber und Jodkalium ist die Rede, die Behandlung mit Arsen-Pulver schlug auf die Nerven und das Gehirn.

Trotz des Ausbaus hatte das Krankenhaus schnell wieder mit Kapazitätsproblemen zu kämpfen, die der erste Weltkrieg mit seinen Folgen verschärfte. Es begannen Notzeiten, in denen das Krankenhaus wegen Brennstoffmangels nur stundenweise beheizt werden konnte, während gleichzeitig die Patientenzahlen durch verletzte Soldaten stiegen. Ab 1934 übernahm mit dem neuen Verwaltungsdirektor Adolph Rodemann ein strammer Nazi den Klinik-Betrieb, der mittlerweile bis zu 6000 Menschen im Jahr behandelte. Da Kiel zwischen 1933 und 1939 von etwa 220000 auf 265000 Einwohner wuchs, kam es wieder zu großen Platznöten. Sie führten dazu, dass Kranke sogar in Badezimmern untergebracht werden mussten, teilweise bis zu zwei Wochen lang. Und erneut kamen Ausbaupläne auf den Tisch, die aber wieder ein Weltkrieg auf Eis legte. Wenige Tage nach Kriegsende 1945 fand man den allseits verhassten Rodemann und seine Frau erschossen in ihrer Wohnung auf dem Anstaltsgelände auf. Der Doppelmord wurde nie aufgeklärt, zumal sich alle Hinweise auf Verdächtige – vom Pförtner über die Verfasserin eines Drohbriefes bis hin zu russischen Zwangsarbeitern – zerschlugen.

Da nur ein Viertel der Bausubstanz erhalten geblieben war, prägte der Wiederaufbau die Nachkriegszeit. Ein Aufbruch begann, der aber in einen stetig wachsenden Kostendruck mündete. Der führte 2004 dazu, dass „das Städtische“ zwar weiterhin in kommunaler Trägerschaft blieb, aber in eine GmbH umgewandelt wurde. 2001 geriet das Krankenhaus wegen der Arbeitszeitregelung auch bundesweit in die Schlagzeilen. Bereitschaftsdienste wurden bis dahin als Ruhepausen und nicht als Arbeitszeit gewertet. Die klagenden Ärzten des Städtischen Krankenhauses bekamen in wesentlichen Punkten Recht – mit der Folge, dass bundesweit neue Arbeitszeitmodelle eingeführt wurden.

Wie steht das Krankenhaus mit 1700 Mitarbeitern und 640 Betten heute da? Darauf hat Roland Ventzke (50), seit 2000 Verwaltungsdirektor, eine klare Antwort: „Hervorragend. Wir haben gute Grundlagen für eine gute Zukunft.“ Hightech-Spitzenmedizin, eine schwarze Null in der Bilanz, bauliche Modernisierung mit dem Westflügel als „Meilenstein“, starke Partner und hochmotivierte Mitarbeiter – dies lässt bei Ventzke Aufbruchstimmung aufkommen, auch wenn sich die ökonomischen Rahmenbedingungen verschärfen. Zudem vervollständigen zwei Chefarztwechsel noch in diesem Jahr einen kompletten Generationswechsel seit 2000, so dass, so Ventzke, eine „stabile Führungsmannschaft“ für die nächsten Jahre gesichert sei. Ein weiterer Wandel zurück zu einem „rein kommunalen Unternehmen“ steht an: Die Forschung der Leukämiestation ( II. Medizinische Klinik) kehrt wieder ans Universitätsklinikum zurück. Das SKK, sagt der Direktor, verstehe sich heute als ein Familienkrankenhaus für den Großraum Kiel: „Wir begleiten die Menschen auf allen Stationen ihres Lebensweges.“

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