15 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Hebammen betreuen schwangere Flüchtlinge

Städtisches Krankenhaus Hebammen betreuen schwangere Flüchtlinge

Die Angst, in einem Flüchtlingslager ein Kind auf die Welt zu bringen, ist groß. Um sie zu reduzieren, gibt es nun in Kiel etwas Neues in der medizinischen Flüchtlingsversorgung: Frauen werden im Städtischen Krankenhaus von Hebammen betreut.

Voriger Artikel
THW versorgt durstige Lotsen mit Frischwasser
Nächster Artikel
Wenn der Druck zu groß wird

Linda Haffar Habbal im Untersuchungsraum: Bei Hebamme Christiane Bliß fühlt sich die junge Syrerin sicher.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Linda Haffar Habbal ist erst seit ein paar Tagen in der Kieler Erstaufnahme am Norder. Sie ist hochschwanger und erwartet einen Sohn. Die Vorstellung, das Wochenbett mit ihrem Baby im Lager zu verbringen, macht der Syrerin Angst. Nur die Versorgung durch die Hebammen im Städtischen Krankenhaus gibt ihr jetzt ein wenig Sicherheit.

 Mit ihrem kugelrunden Bauch sitzt die 24-Jährige aufrecht auf der Liege. Ihren linken Arm streckt sie Hebamme Christiane Bliß entgegen, die ihr die Manschette eines Blutdruckmessgeräts routiniert anlegt. Hier in dem kleinen Behandlungsraum, den die Klinik extra für die Flüchtlingsfrauen eingerichtet hat, bieten die Geburtshelferinnen zusammen mit dem städtischen Krankenhaus seit Anfang November die Betreuung der Schwangeren an. „Die Frauen sind oft mangelernährt und ihre Kinder klein“, berichtet die leitende Hebamme Martina Piol. „Viele von ihnen haben durch die Flucht Beschwerden und Schmerzen.“ Eine Frau habe sechs Wochen lang auf der Flucht ununterbrochen geblutet und befürchtet, das Kind verloren zu haben. Die Hebammen konnten sie zum Glück beruhigen. Diese Fürsorge nehmen die Schwangeren, zurzeit sind es ein Dutzend Flüchtlinge, gern entgegen. Darunter sogar ein 16-jähriges Mädchen, das mit dem zweiten Kind schwanger ist.

 Auch die zierliche Linda Haffar Habbal fühlt sich bei Hebamme Christiane Bliß in guten Händen. Obwohl ihre Flucht erst ein paar Tage zurückliegt, weiß sie jetzt, dass es ihrem Ungeborenen gut geht. Gewiss gibt es dramatischere Fluchterlebnisse. Und doch hat ihre Geschichte eine Tragik. Sie kommt aus einem gebildeten Elternhaus, die Familie ihres Mannes besaß eine Aluminiumfabrik, berichtet sie auf Arabisch. In Damaskus hat das junge Paar ein Leben in Wohlstand geführt. Sie als Kunststudentin, er als Junior im Familienunternehmen. Vor dem Bürgerkrieg in Syrien flüchtete sie zunächst innerhalb des Landes und dann vor zwei Jahren in den Libanon. Dort kamen sie nicht etwa in einem Lager unter, sondern mieteten ein Haus.

 Doch im Libanon waren sie nicht willkommen: „Wir wurden nicht respektiert und nicht freundlich behandelt“, sagt Linda Haffar Habbel. Zwar begann die junge Frau nach dem Abschluss des Kunststudiums ein zweites Studium der Pädagogik, reiste dafür immer wieder nach Damaskus, aber für sie gab es im Nahen Osten keine Zukunft. Zurück nach Syrien wagten sie sich nicht, im Libanon sahen sie keine Perspektive. Dann wurde Linda unerwartet schwanger. „Wir möchten uns beruflich weiterentwickeln, ich will nicht nur als Hausfrau und Mutter leben, sondern mein Studium abschließen und arbeiten“, sagt sie. Und so entschieden sich die Eheleute zur Flucht. Mit dem Flugzeug ging es im November in die Türkei, wo sie zwei Wochen blieben, von dort flohen sie mit dem Bus, Auto und Zug über den Balkan nach Deutschland. Nun sind sie im Container untergebracht. In Kiel wolle sie gern bleiben. Hier fühle sie sich herzlich aufgenommen – kein Vergleich mit dem Libanon, beteuert sie.

 Die Kieler Hebammen sagen einen Geburtstermin im Dezember voraus. Ärzte im Libanon hatten den Stichtag auf Ende Januar prognostiziert. Das Kind wird sie vermutlich im Kreißsaal des Städtischen Krankenhauses gebären. Ob ihr Mann dabei sein soll, wenn das Kind kommt? „Ja, er wird es mir zu Liebe machen; obwohl ihm etwas mulmig ist bei dem Gedanken“, sagt die Muslimin. Dass es ein Sohn werden soll, sei für sie persönlich nicht wichtig, auch wenn es sonst der dringliche Wunsch islamischer Familien sei. Ihr Mann teile ihre Meinung: „Er sagt auch, Hauptsache, das Kind ist gesund.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3