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Mit den Flüchtlingen nach Schweden

Stena-Line Mit den Flüchtlingen nach Schweden

Die Flucht über Kiel wird zur Regel: Auch am Freitagabend haben wieder rund 100 Flüchtlinge die Landeshauptstadt mit der „Stena Germanica“ ins schwedische Göteborg verlassen. Unser Reporter Niklas Wieczorek hat sie begleitet.

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Unser Reporter Niklas Wieczorek begleitet Flüchtlinge auf der Stena-Line in Richtung Göteborg.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

+++ Zurück nach Deutschland +++

Babak Khosrawi fährt mich zum Bahnhof Göteborg, damit ich meine Reise zurück nach Kiel antreten kann. Auf der Autobahn reden wir darüber, dass in Deutschland und Schweden eine Menge Flüchtlingshilfe angeboten wird. Aber er sagt auch, dass sie „keine Ahnung“ haben, wie viele Flüchtlinge noch kommen werden. Als er mich am Busbahnhof verabschiedet, zeigt er auf das Gebäude und sagt: „Vielleicht geht deine Geschichte dort gleich weiter.“ Als ich eintrete, finde ich Tische, üppig mit Essen und Getränken gedeckt. Darauf ein Schild: „Refugees welcome to Gothenburg!“

Auch am Hauptbahnhof der zweitgrößten schwedischen Stadt engagieren sich Dutzende Helfer für ankommende Flüchtlinge, die mit Bussen oder Zügen Göteborg erreichen.

Quelle: Niklas Wieczorek

Auch in Kopenhagen bereitet man den Flüchtlingen einen freundlichen Empfang.


+++ Ein Hauch von Erlösung +++

Fühlt sich so die Freiheit an? Den Al-T.s kann das niemand beantworten. Denn die schwedische Erlösung besteht bisher aus dem Eintragen der Familieninformationen in Vordrucke. Sie schreiben von Kindern und Ehefrauen, die sie hoffen, bald wiederzusehen – in Schweden.

Die Formulare sind zweisprachig vorbereitet und sollen eine erste Erfassung der Flüchtlinge ermöglichen.

Quelle: Niklas Wieczorek

Während sie die Bögen ausfüllen, hilft Babak Khosrawi anderen Flüchtlingen. Der Iraner ist vor 25 Jahren ebenfalls nach Schweden geflohen. Heute ist er Mitglied der Linkspartei (Vänsterpartiet). Er erzählt, dass sie ein Netzwerk zur Hilfe der Flüchtlinge aufgebaut haben, in dem auch seine Partei nur ein Partner von vielen ist. Sie unterstützen bei Registrierungen und halten ein Haus mit 30 Schlafplätzen aufrecht, in dem erste Unterkunft gewährt werden kann. Khosrawi selbst beherrscht die persische Sprache Farsi und hilft mit seinen Kenntnissen Menschen aus dem Iran und aus Afghanistan. In der vergangenen Nacht hat er außerdem einen 14-jährigen Flüchtling, der alleine unterwegs war, vorübergehend bei sich aufgenommen. Der ist mittlerweile registriert.

"Wir haben keine Ahnung, wie viele noch kommen werden, und lassen jeden Tag auf uns zukommen", sagt Babak Khosrawi, Flüchtlingshelfer der Linkspartei in Göteborg.

Quelle: Niklas Wieczorek

„Die eine Hälfte will hier in Göteborg bleiben, die andere woanders in Schweden unterkommen“, so Khosrawi. Und das gilt auch für die Flüchtlingsgruppe, die ich bis hierhin begleite. Taha A. vertagt seine Registrierung auf später, fährt zunächst mit seinem Bruder Mohammad nach Hause, um Schlaf nachzuholen und sich auszuruhen. Kuss links, Kuss rechts – das ist die typische Verabschiedung in Syrien auch unter Männern. Wo sie genau bleiben, das ist den Al-T.s jetzt nicht so wichtig – „einen sicheren Ort, an dem wir als Mann und Frau zusammenleben können“, wünscht sich Abdalhadi Al-T. für seine Frau und sich, „und, dass wir dort Kinder haben.“ 

+++ Keine schnelle Entscheidung +++

Die Al-T.s hoffen vergeblich: In der Behörde wird es heute keine Entscheidung mehr geben. Hunderte füllen arabisch-sprachige Bögen aus, weit mehr als mit der Fähre gekommen sind, um ihren Einreiseantrag zu stellen. Doch Pernilla Wallin, Chefin des lokalen Migrationsverket, beschreibt: "Heute werden nur Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht. Außerdem fragen wir, ob die Menschen krank sind." Ob sie heute zumindest alle abfertigen können, die eine Nummer gezogen haben? "Ich hoffe...", sagt sie.

Fotostrecke: Mit den Flüchtlingen von Kiel nach Göteborg

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+++ Ankunft an der Registrierungsbehörde +++

Offenbar gab es ein Missverständnis. Der Taxifahrer hat die erste Gruppe zu einem anderen Migrationsverk gebracht. "Jetzt fühle ich mich sehr gestresst, denn wir haben uns von meinem Bruder getrennt, der im anderen Auto sitzt", sagt Abdalhadi Al-T. Außerdem hängt der Rest unseres Lebens davon ab, was gleich da drinnen passiert." Doch fünf Minuten später ist der Wagen da.

Wie funktioniert das? Abdalhadi (v. li.), Taha, Marzok und Ahmad studieren im Migrationsverket Kållered die arabische Anleitung der Behörde.

Quelle: Niklas Wieczorek

+++ Das Wiedersehen +++

Das Wiedersehen war sehr emotional. Die beiden Brüder hielten sich gefühlt ewig in den Armen. Der Aufforderung zu folgen, doch Fotos zu machen, fiel mir in diesem Moment mehr als schwer. Dann, nach einer kurzen Zigarette, um weitere Pläne zu machen, stand die Entscheidung fest: Es ist Sonnabend, die großen Polizeistationen sind geschlossen - also fahren wir in zwei Gruppen verteilt mit Tahas Bruder und einem Taxifahrer zum Migrationsverket (Sozialbehörde) in Kallered - südlich von Göteborg. 

+++ Ankunft in Göteborg +++

Emadobled A. hat in der Empfangshalle Freunde seiner Schwester aus Oslo getroffen, die ihn weiter begleiten werden. Wir warten währenddessen in einem Park am Tysklandsterminal auf den Bruder von Taha A. Mit ihm wollen die Al-T.-Brüder zur schwedischen Polizei und sich registrieren lassen.


+++ Unser Reporter bei Twitter +++


Wie die Nacht und der Morgen auf der Fähre verlaufen ist, erfahren Sie hier.


+++ Überfahrt voller Erwartungen +++

Draußen ist es dunkel geworden – durch die Nacht fahren die hundert Flüchtlinge mit Hunderten Wochenendreisenden auf der „Stena Germanica“ ihrem Morgen in Schweden entgegen. Der Syrier Omar Al-S. ist erst 17 Jahre alt und möchte dort ein neues Leben beginnen. IT will er studieren, das ist ihm jetzt schon klar.

Mit seiner fünfzehnköpfigen Familie kam er den beschwerlichen Weg aus Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Österreich und Deutschland. Sie mussten kilometerlange Märsche zurücklegen, in Mazedonien im Wald übernachten und sich in Ungarn von der Polizei drangsalieren lassen. Doch es gab auch überraschende Hilfe: So hat sich ihrer in Serbien eine Jugendorganisation angenommen, die sie sicher durch das Land geleitet hat. 

Das hat Omar gezeigt, weshalb er auf die Zukunft in Malmö hoffen kann, wo seine Schwester lebt: „Ich wünsche mir nichts mehr als Frieden, Ruhe und ein sicheres Leben“, sagt er. Fotografieren lassen will er sich und seine Familie aber nicht. Seine Großeltern seien noch in Syrien und „wenn die Regierung die Bilder sieht, kommen sie ins Gefängnis.“ Was er in Europa erfährt und in Schweden erwartet, ist das, was in Syrien verloren gegangen ist: „Gerechtigkeit und Freiheit“.

+++ Entspannte Stimmung +++


+++ Ganzes Leben in einer Plastiktüte +++

„Wir haben aus jedem Land ein Papier“, sagt Abdalhadi Al-T. fast etwas stolz. Der 26-jährige Syrer aus Damaskus sitzt auf dem Oberdeck der „Stena Germanica“ mit seinen Brüdern an einem Tisch. Er kramt in der Innentasche seiner roten Regenjacke und zieht eine durchsichtige Plastiktüte hervor. Darin hat er alles, was er noch bei sich trägt. Das Wichtigste aber ist ihm abgenommen worden.

Das ist alles, was sie noch haben: Abdalhadi (links) und Bruder Marzok zeigen Universitätsausweise und Militärdienstbescheinigungen. Die letzten verbliebenen Ausweisdokumente, die ihnen Polizisten gelassen haben.

Quelle: Niklas Wieczorek

Deutsche Polizeibeamte haben seinen Pass. Noch immer. Obwohl er schon auf dem Weg nach Schweden ist. Warum sie ihm das wertvolle Dokument schuldig blieben, kann er sich nicht erklären. Für seinen Bruder Marzok Al-Tinawi neben ihm gilt das Gleiche.

Der Reihe nach: Vor drei Tagen waren sie bereits in Dänemark und auf dem Weg nach Schweden. Drei Tage seien sie dort in einer Schule eingesperrt gewesen. „Wir protestierten und sagten ihnen, wir wollen nicht nach Dänemark“, so Abdalhadi, „dann hat die dänische Polizei uns nach Deutschland ausgeliefert.“

v.li. Marzok, Christian Müller ("Kiel hilft Flüchtlingen") und Abdalhadi bei der Hilfsaktion im Terminal.

Quelle: Ahmad

Auf dem Weg in die Unterkunft der Kaserne Putlos wurde ihnen der Ausweis abgenommen. Sie zeigen die schriftliche Bestätigung: Ein Begründung aber steht dort nicht und wurde ihnen auch nicht genannt. Nach weiteren drei Tagen durften sie dann erneut ihre Reise nach Schweden antreten – dieses Mal über Kiel und per Fähre. „Alle Menschen in Deutschland waren sehr hilfsbereit“, sagt jetzt Marzok Al-T. Und zur Bestätigung zückt Abdalhadi sein Handy und schickt ein Bild mit Christian Müller, einem der Organisatoren von „Kiel hilft Flüchtlingen“.

+++ Es gibt nur einen Fluchtweg +++

Fast alles wie immer am Schwedenkai: Dass seit Donnerstagabend Flüchtlinge über die Fährverbindung Kiel-Göteborg ausreisen, hat den Ablauf am Terminal nicht verändert. Die kleinen Flüchtlingsgruppen, die an den Fensterfronten sitzen, fallen kaum auf. Wasser und Kaffee gibt es zwar gratis für die bedürftigen Menschen, die Helfer von „Kiel hilft Flüchtlingen“ verteilen Kekse und Getränke an die Asylsuchenden – aber Servicepersonal und Sicherheitsleute sind entspannt und unaufgeregt.

Rund 100 Flüchtlinge sind es an diesem Freitag, die sich auf den Weg nach Schweden machen. Und fast alle haben den gleichen Weg hinter sich: Aus Syrien in die Türkei, nach Griechenland und über Mazedonien und Serbien nach Ungarn, von wo sie die österreichische und kurz darauf die deutsche Grenze passierten.

So wie Emadobled A. aus dem syrischen Tartus. Der 27-Jährige hat es in seinem Heimatland einfach nicht mehr ausgehalten. Jetzt hat er seine Erlösung vor Augen: Schweden. Über das skandinavische Land will er nach Norwegen weiterreisen. Seine Schwester lebe schon seit 25 Jahren in Oslo, sagt er. Die Fähre der Color Line in die norwegische Hauptstadt habe er allerdings nicht mehr rechtzeitig erreicht.

Sichtlich gezeichnet von der Flucht, die er hofft, in Skandinavien endlich zu beenden: Emadobled A.

Quelle: Niklas Wieczorek

 

Doch in Göteborg erwarte ihn jetzt seine Schwester. Den Kontakt zu ihr hält er seit Wochen über einen dänischen Journalisten namens Peter. „Er ist ein wundervoller Mensch“, sagt Emadobled. Wie er ihn kennengelernt hat, verrät er nicht. Wohl aber, dass er unendlich wichtig für ihn war. Schließlich habe er sein Telefon bei einer Schwimmeinlage auf der Flucht verloren. „Ich bin ein guter Schwimmer, weißt du“, sagt er und blickt auf die Kieler Förde hinaus.

Auf die Frage, was er bei sich trägt, leert er seine Taschen: Es ist sein Reisepass, ein Zettel mit den Telefonnummern von Peter und seiner Schwester und sechs Schokoriegel. Wortlos reicht er mir eine süße Schokolade. Ablehnen zwecklos. „Schön, dich kennenzulernen“, sagt Emadobled.    

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Flüchtlingsdrama
Foto: Flüchtlinge am Stena-Line-Terminal in Kiel.

Erneut haben am Freitag Flüchtlinge die Fähren genutzt, um von Kiel und Travemünde direkt nach Schweden zu gelangen. Währenddessen strömen weiter Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein. Die Landesregierung überlegt nun, den Schlüssel für die Verteilung der Asylbewerber auf die kreisfreien Städte und Kreise zu ändern.

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