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Kieler Modell macht Karriere

Stiftung Drachensee Kieler Modell macht Karriere

Ein Kieler Modellprojekt findet mittlerweile internationale Beachtung. Das Prinzip: Menschen mit einer Behinderung werden bei der Stiftung Drachensee zu Bildungsexperten ausgebildet, halten an Unis oder Fachhochschulen Vorlesungen zum Thema Inklusion. Jetzt interessieren sich sogar die Vereinten Nationen dafür.

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Volles Haus für eine Vorlesung der besonderen Art: Etwa 300 Kieler Studierende bekamen im Uni-Hörsaal Informationen zum Thema „Inklusive Bildung“ aus erster Hand. Die Vorlesung hielten sechs Bildungsexperten mit Handicaps, die den angehenden Lehrern über ihre Erfahrungen und Erwartungen berichteten.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Man könnte die berühmte Stecknadel fallen hören, so still ist es im Uni-Hörsaal. Erwartungsvoll schauen etwa 300 Kieler Lehramtsstudierende vor Beginn der Vorlesung „Grundlagen der Lehrerbildung“ nach vorne auf die Sechsergruppe neben dem Rednerpult: Jeder von ihnen hat ein anderes Handicap, manche sind so gut wie blind, andere auf den Rollstuhl angewiesen. Sie sind aber auch bundesweit die einzigen, die als Bildungsexperten in eigener Sache an Hochschulen Vorlesungen über Inklusion halten – und wie sie aus ihrer Sicht funktionieren sollte.

 Schon seit zwei Jahren läuft das von der Aktion Mensch geförderte Modellprojekt „Inklusive Bildung“ an der Stiftung Drachensee. Ende 2016 werden die ehemaligen Mitarbeiter der Werkstatt am Drachensee ihre Vollzeit-Ausbildung beenden, um als Fachkräfte künftig Studenten, Verwaltungsmitarbeiter oder Firmenchefs aufzuklären, unter welchen Bedingungen ein Miteinander von Menschen mit und ohne Handicap am besten klappt.

 „Unser nächstes Ziel ist es jetzt, dass diese Experten nach ihrer Ausbildung einen richtigen sozialversicherungspflichtigen Job bekommen“, berichtet Projektleiter Jan Wulf-Schnabel. So gründete die Stiftung Drachensee Anfang Januar das „Institut für inklusive Bildung“, das als gemeinnützige GmbH künftig die Arbeit der Bildungs-Fachkräfte koordinieren und Einnahmen daraus generieren soll, um somit die Referenten fest beschäftigen zu können. Das Sozialministerium habe seine Unterstützungsbereitschaft bereits ebenso signalisiert wie die Stadt. Wulf-Schnabel: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch funktioniert.“

 Das Pilotprojekt entpuppt sich aber schon jetzt als höchst erfolgreich. 2016 ist mit rund 20 Vortrags- oder Vorlesungsterminen an Hochschulen, Universitäten, Verwaltungen oder Ministerien bereits komplett ausgebucht. Und das nicht nur in Schleswig-Holstein. Sogar international erregt das Projekt inzwischen Aufmerksamkeit. Mitte Februar reist Wulf-Schnabel nach Wien, um es am Sitz der Vereinten Nationen im Rahmen einer Konferenz einem multinationalen Expertengremium vorzustellen. Anfang März folgt das komplette Team einer Einladung nach Großbritannien, um seine Arbeit an der Uni in Manchester zu präsentieren.

 Den Projektleiter wundert das enorme Interesse nicht. Schließlich hätten sich europaweit immer mehr Nationen per Gesetz verpflichtet, Menschen mit Handicaps an allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens gleichberechtigt zu beteiligen. „Aber wie das konkret gehen soll, was sie dabei alles beachten sollten, wissen die dafür Verantwortlichen oft nicht.“ Diese Lücke könnten die „Drachensee“-Fachkräfte mit ihren Erfahrungen und Kenntnissen nun schließen. „Mich erstaunt es allerdings, dass wir offenbar als Erster auf die Idee einer entsprechenden Qualifizierung für solche Aufgaben kamen.“

 Doch auch in der Drachensee-Stiftung dauerte es ein paar Jahre von den ersten Ideen bis zum Lehrgangsstart im November 2013. Etwa 20 der dort aktiven Werkstatt-Mitarbeiter bewarben sich dafür, sechs wurden schließlich ausgewählt. Das Ausbildungskonzept mit insgesamt sechs Unterrichtsmodulen und abschließenden Prüfungen entwickelte eine Pädagogik- Studentin im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Kieler Uni. Zu den Inhalten zählen neben politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen von Inklusion auch die gewährten Unterstützungsleistungen für Menschen mit Handicaps, Kurse in Gesprächsführung oder Vortragstechniken.

 Laura Schwörer hat all diese Module im Rahmen ihrer „Drachensee“-Ausbildung absolviert, nimmt in der Vorlesung das Mikro in die Hand und berichtet den angehenden Lehrern von ihren Schulzeit-Erfahrungen. „Die Fixierung auf unsere Behinderung behindert allzu oft unsere Entwicklung. Zu viel Fürsorge auch“, sagt die 26-Jährige mit fester Stimme, die keinen Rückschluss (mehr) auf ihre Autismus-Spektrum-Störung zulässt.

 Wie viel Kraft es die junge Frau gekostet haben mag, ihre Panik vor diesem Auftritt im proppenvollen Hörsaal niederzuringen, weiß nur sie selbst. Laura Schwörer erzählt, sie hätte sich in ihrer Schulzeit von ihren Lehrern manchmal „mehr Geduld“ gewünscht, wenn sie wieder länger brauchte, um Informationen zu verarbeiten: „Reaktionsschwäche ist ja keine Faulheit oder Desinteresse, wie es manche Lehrer gedeutet haben.“

 Natürlich könnte so ein Satz auch in einem Lehrbuch über Inklusion stehen. Aber als Laura Schwörer ihn sagt, bekommt er emotionale Wucht, die unter die Haut geht. Nach einer Pause zerreißt Applaus die Stille, der wie eine Umarmung wirkt. Jan Wulf-Schnabel lächelt erleichtert. Die Studierenden haben jetzt den Sinn von Inklusion offenbar nicht nur mit ihrem Verstand begriffen.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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