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Stöcken wirbt um Zuversicht

Stadtgespräch Stöcken wirbt um Zuversicht

Seit Wochen dreht sich das Leben von Sozialdezernet Gerwin Stöcken vor allem darum, die Ankunft der Flüchtlinge zu organisieren. Integration, das ist klar, gelingt nur, wenn die Kieler mitziehen. Beim zweiten Kieler Stadtgespräch am Montagabend im Legienhof äußerten 100 Teilnehmer Anregungen und Ängste.

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Stadtrat Gerwin Stöcken im Legienhof: Immer wieder ermuntert er die Kieler, ihre Ängste und Sorgen vorzubringen. Gleichzeitig bleibt er optimistisch, dass die Integration der Flüchtlinge gelingen kann.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Doch Stöcken lässt keinen Zweifel daran, dass die Landeshauptstadt alle Herausforderungen meistern kann.

Zu Beginn gibt es erst einmal einen Sachstandsbericht. 8,7 Prozent der schleswig-holsteinischen Bevölkerung lebt in Kiel. Also bekommt Kiel auch 8,7 Prozent der Flüchtlinge. Das sind insgesamt 3322 Menschen. 1737 Flüchtlinge sind derzeit in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, für 1485 wurde eine Wohnung oder ein Hotel gefunden. Auf dem MFG-5-Gelände (Schusterkrug), um das es an diesem Abend vor allem gehen sollte, wohnen 900 Menschen – irgendwann einmal 1200.

 Eine Frau bekennt gleich zu Beginn, dass sie skeptisch sei. Sie habe mit einem Syrer gesprochen, der ihre Ängste noch potenziert habe. „In zehn Jahren sei Deutschland nicht mehr Deutschland“, hätte er prophezeit. Eine syrische Familie bekomme sechs bis sieben Kinder, eine deutsche im Schnitt ein bis drei. Und der Islam würde sich überall durchsetzen. Stöcken: „Wenn eine Religion mit einer so großen Bindewirkung auf ein christlich geprägtes Land trifft, müssen wir uns auf diese Frage einrichten. Ich nehme das sehr ernst.“

 Eine 49-jährige Diskussionsteilnehmerin berichtet von Gruppen von Moslems und Arabern, die auf der Holtenauer Straße oder auf der Kiellinie Frauen keinen Platz machten. Stöcken: „Wir werden denen begegnen müssen, wenn sie sich Frauen gegenüber schlecht verhalten. Noch gibt es darauf keine Antwort. Aber meine Aufgabe ist: Wir schaffen das.“ Auch die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln, so betont eine Teilnehmerin, macht den Kielerinnen Angst. Frank Matthiesen von der Polizeidirektion Kiel: „Ich bin seit über 30 Jahren bei der Polizei. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Daraus müssen wir lernen. Wir können aber keine neuen Polizisten von den Bäumen pflücken. Wir geben aber alle unser Bestes. Ich kann Ihnen eine intensive und transparente Polizeiarbeit versprechen. Gut wäre es, wenn sich Zeugen von sexuellen Übergriffen bei uns melden würden.“

 Eine ehrenamtliche Deutschlehrerin in Holtenau berichtet von anderen Erfahrungen. „Es gab bisher nie Probleme. Nicht einmal meine Töchter – blond und blauäugig – wurden belästigt.“ Die Flüchtlinge seien sehr respektvoll. „Vielleicht macht man sich vom Hörensagen zu viel Angst.“ Man müsse sich frühzeitig gegen aufdringliche Männer wehren. Stöcken ermuntert: „Sie müssen laut und vernehmlich Nein sagen. Das habe ich auch meinen Töchtern beigebracht. Dafür ist es jetzt an der Zeit.“

 Unterstützung bekommt der Sozialdezernent an diesem Abend von seiner Frau Birgit Stöcken, die für die Awo auf dem MFG-5-Gelände Flüchtlinge betreut. „Wir sind in den Unterkünften sehr rigide in der Haltung und zeigen deutlich, wo unsere Grenzen sind.“ Leider käme eben die gesamte Bandbreite der Gesellschaft zu uns. Da seien durchaus auch ein „paar Bagaluten“ dabei. „Doch da wird gehandelt. Frauenfeindliches Verhalten ist hier nicht erlaubt.“

 Eine Teilnehmerin regt an, dass man die Flüchtlinge besser begleiten müsse. In Kanada gebe es eine 1:1-Betreuung. „Wenn wir eine gute Betreuung wollen, dann müssen wir das auch ordentlich tun. Das ist jetzt notwendig“, mahnt sie. Immer wieder werden Medienberichte über sexuelle Übergriffe erwähnt. „Es ist schon erstaunlich, dass die Medienwirklichkeit die Herzen schneller berührt als die Praxis“, so Gerwin Stöcken.

 Birte Wichmann, Moderatorin an diesem Abend, ist nach zwei Stunden froh und erstaunt, dass das Stadtgespräch so von „offenen und ehrlichen Gesprächen geprägt war“. „Es hat mir sehr viel Freude bereitet, dass es möglich war, so miteinander zu sprechen“, sagt sie abschließend. Stadtrat Stöcken fügt hinzu: „Nur gemeinsam schaffen wir das. Ich bin dankbar für jeden, der sich traut, auch seine Ängste zu formulieren. Machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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