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Wie bei Hempels beim Geburtstag

Straßenmagazin wird 20 Wie bei Hempels beim Geburtstag

Was für ein würdiger Rahmen für einen Geburtstag: Das Straßenmagazin Hempels feierte am Donnerstag mit 160 Gästen im Kieler Landeshaus das 20-jährige Bestehen.

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Feierten mit 160 Gästen 20 Jahre Hempels: Vorstandsmitglied Lutz Regenberg, Redakteur Peter Brandhorst, Sozialberaterin Catharina Paulsen, Verkäuferbetreuer Jan Hölzel und Vorsitzender Jo Tein (von links).

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Als ich 1996 die erste Ausgabe in den Händen hielt, dachte ich nur, das kauft keiner“, erinnert sich Vorsitzender Jo Tein in seiner Begrüßungsrede. „Das Heft sah schrecklich und total unprofessionell aus.“ Heute kann er über seine falsche Einschätzung nur lachen. 20000 Exemplare werden inzwischen Monat für Monat verkauft. Und das schon lange nicht mehr nur in Kiel.

 In den vergangenen 20 Jahren und im Laufe von 240 Ausgaben hat sich viel getan. Gestartet wurde mit einer Auflage von 5000. Inzwischen bringen 250 Verkäufer die Zeitschrift auch in Flensburg, Nordfriesland, Schleswig, Rendsburg, Heide und Lübeck an den Mann und die Frau. Es wurden Trinkräume im Stadtgebiet eingerichtet, eine Grabstätte für Obdachlose, ein Café, die deutsche Meisterschaft im Straßenfußball wurde in Kiel ausgetragen und viele Partnerschaften wurden geschlossen. Der jüngste Coup zusammen mit der Diakonie ist nun die Einrichtung einer Stiftung. Mit ihrer Hilfe sollen noch in diesem Jahr Wohnungen für Hilfsbedürftige angekauft werden.

 Der knappe Wohnraum war auch während der Jubiläumsfeier das beherrschende Thema. „Wohnungslosigkeit ist die extremste Form sozialer Ausgrenzung“, betonte Werena Rosenke, stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mit Sitz in Berlin. Allein in Deutschland seien 335000 Menschen ohne Wohnung. Bis 2018 rechnet sie mit einer halben Million Wohnungslosen. „Die Krise ist aber nicht eingewandert, sondern hausgemacht“, so Rosenke. Bund und Kommunen hätten über all die Jahre ihre eigenen Reserven verkauft. „Wir müssen dafür sorgen, dass niemand mehr auf der Straße schlafen muss“, forderte sie. Eine Wohnung biete Schutz, Geborgenheit, in den eigenen vier Wänden könne man so sein, wie man will. Diesen „Luxus“ sollte jeder bekommen können.

 Carlos Ramollo (52) hat bisher Glück gehabt. Der Hempels-Verkäufer hat seit zwei Jahren eine Wohnung. 20 Quadratmeter, 305 Euro Miete. Nun steht er zur Feier des Tages mit der aktuellen Ausgabe und den neuesten „Kochen wie im Knast“-Heften am Eingang zum Festsaal. Er spart jeden Cent für seine Ausbildung zum Heilpraktiker. Raju Sharma, Büroleiter in der Staatskanzlei, ist begeistert: „Hempels bietet die Möglichkeit, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen und ein wenig Würde zurückzugewinnen.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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