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„Hempels“ schafft eigenen Wohnraum

Straßenmagazin „Hempels“ schafft eigenen Wohnraum

Seit 20 Jahren gilt das Straßenmagazin „Hempels“ als Familie und Sprachrohr für die, die sonst keine Lobby haben: Menschen im Teufelskreis von Armut, ohne festen Wohnsitz und vielen anderen Problemen. In der Wohnsitzbeschaffung wollen die Verantwortlichen jetzt aktiv werden.

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Kalle (links) gibt täglich Exemplare des Straßenmagazins über den Tresen an die Verkäufer. Mittlerweile ist die Auflage landesweit auf etwa 20 000 gestiegen.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Die „Hempels“-Verantwortlichen schlagen zusammen mit dem Diakonischen Werk einen ungewöhnlichen Weg ein: Sie planen mit Hilfe einer Treuhandstiftung, Wohnungen und Mobilheime zu kaufen, um sie dann an Obdach- und Wohnungslose zu vermieten.

Hilfe bei der Jobsuche und in allen problematischen Lebenslagen ist man vom Verein gewohnt. Aber warum schickt „Hempels“ sich zusammen mit dem Diakonischen Werk und der Straffälligen-Hilfe Schleswig-Holstein als Partner an, ins Immobiliengeschäft einzusteigen? „Wir haben ein gemeinsames Problem. Es gibt nicht genügend günstigen Wohnraum“, bringt Landespastor Heiko Naß von der Diakonie Schleswig-Holstein die Botschaft der Initiative „Hempels hilft wohnen“ auf den Punkt. Etwa 400 Wohnungslose gibt es nach Angaben der Stadt in Kiel: Menschen, die im Gegensatz zu denen, die freiwillig Platte machen, als Verschuldete, Drogensüchtige oder ehemalige Häftlinge kaum eine Chance auf dem engen Mietwohnungsmarkt haben, zumal die steigende Anzahl Asylberechtigter und Studierender den Druck erhöht.

"Wir wollen keine Problemhäuser"

Zusammen mit dem Diakonischen Werk wirbt der Verein um künftige Stifter, um am Ende zehn etwa 55000 Euro teure Mobilhäuser aus Holz in Kiel zu bauen, die in Abstimmung mit der Stadt, dem Kirchenkreis und Gemeinden an „geeigneten Standorten“ rund um die Förde aufgestellt werden sollen. Dieses Jahr sollen zwei Obdachlose jeweils eine möblierte, 25 Quadratmeter große Mietwohnung im ersten der Mobilheime einziehen können. Laut Tein fehlen noch 10- bis 15000 Euro. Die zweite Säule soll zusammen mit Unterstützung der Straffälligen-Hilfe der Kauf einzelner Wohnungen dezentral im Stadtgebiet sein: „Wir wollen keine Problemhäuser“, sagt Naß und appelliert an die Politik, im günstigen Preissegment ein kleines Kontingent für Wohnungslose vorzuhalten.

Wie es ist, ohne festen Wohnsitz zu leben, berichten immer wieder Verkäufer im Magazin: Wie etwa Ralf (46), der seit 14 Monaten unfreiwillig auf der Straße lebt: „Nachts um zwei Uhr wache ich auf, gehe Flaschen sammeln und versuche mich tagsüber um Wohnung und Arbeit zu bemühen.“ Ohne eine Wohnung werde er keine Arbeit finden, die Hartz-IV-Leistungen reichten oft nicht aus, um die geforderten Mieten zu zahlen. Die Idee der Stiftung findet auch der obdachlose Andreas (45) gut, auch weil sie anfangs einhergeht mit regelmäßiger sozialpädagogischer Betreuung. Viele bräuchten Unterstützung, wenn sie das erste Mal wieder eine eigene Wohnung hätten, so Tein. Zur sehr günstigen Miete wohnen soll so auf Dauer zum Heim für Menschen werden, die lange keine eigene Bleibe hatten. Die von ihnen gezahlten Mieten fließen zurück in die Unterstützung anderer Bedürftiger.

20 Jahre „Hempels“: Das Thema Wohnungslosigkeit wird sich wie ein roter Faden auch durch die Jubiläumsveranstaltung am Donnerstag, 11. Februar, im Landeshaus ziehen. Neben Vertretern der Wohnungslosenhilfe, der Landes- wie Kommunalpolitik und Diakonie kommen auch Mitglieder der „Hempels“-Familie zu Wort.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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