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Kolonialherren im Visier

Straßennamen in Kiel Kolonialherren im Visier

In Berlin sollen Straßennamen belasteter Kolonialherren verschwinden. Auch in Kiel stehen Adolf Lüderitz oder Gustav Nachtigal Pate für Straßen im sogenannten Afrikaviertel in Neumühlen-Dietrichsdorf. Ändert die Berliner Debatte daran etwas?

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Blick ins Afrikaviertel in Neumühlen-Dietrichsdorf: Über die benennung von Straßen nach Kolonialherren wie Adolph Woermann und Gustav Nachtigal entbrennt eine neue Diskussion.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Zwischen der Lüderitzstraße in Berlin-Wedding und der in Neumühlen-Dietrichsdorf liegen rund 290 Kilometer. Das Navigationsgerät dürfte in Berlin aber bald ins Leere leiten – denn dort steht nach langen Diskussionen eine Umbenennung an. „Straßennamen haben damit zu tun, an wen man im öffentlichen Raum erinnern möchte – und zwar unkommentiert“, sagt Carolin Liebisch. Sie ist Historikerin an der Uni Kiel. Im kommenden Semester bietet sie das Seminar „Kolonialgeschichtliche Spurensuche in Kiel“ an. Auch in das Afrikaviertel könnte das führen: Hier entstand in der Zeit des Nationalsozialismus ab 1938 eine Backstein-Wohnsiedlung für Werftarbeiter.

Die Namen der Straßen glorifizierten Akteure in den deutschen Afrika-Kolonien wie Carl Peters, Hermann von Wissmann, Adolf Lüderitz oder Gustav Nachtigal. Im 19. Jahrhundert waren sie für Erforschung, Vorbereitung und Inbesitznahme von Land in Afrika verantwortlich – meist ging das mit rassistischer Herabwürdigung der Bevölkerung und brutalster Unterdrückung einher.

Doch das Wissen um diese Zeit setzt sich nur langsam durch: „Generell ist die Kolonialgeschichte in Deutschland eine Erinnerungslücke“, sagt Liebisch. Die Umbenennungen in Berlin seien durch Aktivisten angestoßen worden, die aufzeigten, dass der Kolonialismus Folgen weit über seine historische Periode hinaus hat. „Aus meiner Sicht sind koloniale Straßennamen ein Kontinuum, über das man kritisch diskutieren sollte“, sagt auch Liebisch.

André Wilkens, Kieler SPD-Ratsherr, zeigt sich für Debatten offen: „Der Berliner Vorschlag ist angesichts der Kolonialgeschichte sehr bedenkenswert.“ Hindenburgufer und Schittenhelmstraße könnten beispielhaft für neue Kieler Fälle sein. Ortsbeiräte und Bürger seien in mögliche Diskussionen einzubinden, betonen auch Grüne und SSW. Jeder Umbenennung müsse eine Einzelfallprüfung mit einer Abwägung angesichts des Aufwands vorhergehen, sagt Grünen-Ratsfrau Andrea Hake. SSW-Ratsherr Marcel Schmidt bekräftigt: „Wir sind offen für eine Umbenennung einzelner Straßen.“ FDP-Fraktionsgeschäftsführer Peter Helm sieht das skeptischer: „Jede Umbenennung erweckt den Anschein, das Gedächtnis bereinigen zu wollen.“ Nur in Ausnahmefällen sei ein Namenswechsel nach gründlicher Abwägung denkbar. Die CDU verweigert dies ganz: „Die Straßen sind nach der damals herrschenden Auffassung benannt worden“, so Ratsfrau Elisabeth Pier. Es sei schlicht nicht zumutbar, ständig damit rechnen zu müssen, Papiere ändern zu müssen.

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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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