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Gesucht: Die Meister des Erkennens

Super-Recognizer Gesucht: Die Meister des Erkennens

Sie sind Meister im Erkennen, prägen sich Gesichtszüge, Ausdruck und Proportionen innerhalb von Sekunden ein und können Menschen in der Menge sogar auf verschwommenen Fotos identifizieren. Die Kieler Psychologin Lara Petersen sucht Studienteilnehmer, um Super-Recognizer aufzuspüren.

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Lara Petersen konzentrierte sich in ihrer Diplomarbeit auf das visuelle Erkennen über Videoaufnahmen. Eine Erkenntnis: Besser ist es, Kameras auf Körperhöhe auszurichten.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. In Großbritannien nutzt die Polizei bereits die Fähigkeiten der Super-Erkenner (Super-Recognizer), um Verbrechen aufzuklären. Lara Petersen will dazu beitragen, so manches der vielen Rätsel rund um die seltene Gabe zu lösen.

 Schon die Anfänge, als Forscher das Talent entdeckten, klingt ein wenig wie eine Detektivgeschichte: Der US-Wahrnehmungspsychologe Richard Russell untersuchte vor zehn Jahren eigentlich die Ursachen von Gesichtsblindheit (Prosopagnosie), die es Menschen erschwert, selbst vertraute Personen wiederzuerkennen. Es müsse doch auch das andere Extrem geben, vermutete der Wissenschaftler und machte sich als erster auf die Suche nach Super-Recognizern. Unter den vielen Testpersonen fand er vier, die selbst auf kleinen Kinderfotos in schlechter Qualität Prominente auf Anhieb erkannten. Zusammen mit Brad Duchaine und Ken Nakayama veröffentlichte er 2009 die erste Studie und entwickelte einen der bis heute anerkannten Standard-Tests.

 Lara Petersen (24) wurde für das Forschungsthema in Seminaren des Rechtspsychologen und Gerichtsgutachters Professor Günter Köhnken „infiziert“: Schon in ihrer Diplomarbeit konzentrierte sie sich auf das visuelle Erkennen über Videoaufnahmen und fand heraus, dass die Sicherheit einer Identifizierung auch davon abhängt, wie hoch die Kamera angebracht ist: Die Sicht aus der Vogelperspektive erschwere die Identifizierung. Besser sei es, auch Kameras auf die Körperhöhe auszurichten, sagt sie. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin nahm Kontakte zu den wenigen Forschern in den USA, Großbritannien und an der Universität Bamberg auf, um die Tests auf Deutsch zu übersetzen und für Online-Formate aufzuarbeiten.

Noch in den Kinderschuhen

 Wieso fällt es Super-Recognizern so leicht, sich aus einer Menge einen Menschen herauszupicken, den sie vor Jahren flüchtig begegnet sind, während andere große Probleme haben, sich zu erinnern? Wie groß ist der Einfluss von Intelligenz, Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit? Gibt es Unterschiede bei den Ethnien? Welche Hirnareale werden aktiviert? „Wir stecken noch in den Kinderschuhen. Deshalb suche ich möglichst viele Studienteilnehmer, damit wir mit der Forschung weiterkommen“, begründet die Kieler Doktorandin ihren Forscherdrang. Schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Bevölkerung besitzen diese Gabe, die bei Mann und Frau ähnlich häufig vorkommt. Eine Relation, die Lara Petersen nach ihren bisherigen Studien bestätigen kann: Unter 124 Testpersonen fand sich bisher nur ein Super-Recognizer, ein 30-jähriger Kieler Polizist.

 Bisher gilt nur weniges als gesichert: So ergaben weitere Studien, dass die Super-Recognizer sich Gesichter eher über die Nase merken, während die meisten Menschen ihrem Gegenüber in die Augen schauen. Dass sich das Talent innerhalb der Familie vererbt, halten Wissenschaftler wie die Britin Dr. Anna Bobak für durchaus möglich. Eine Studie der University of Exeter kam zu dem Schluss, dass Menschen mit hoher Empathiefähigkeit Gesichter leichter wiedererkennen als Probanden mit niedrigem Einfühlungsvermögen.

 Probanden ein besseres Personengedächtnis anzutrainieren, gelingt nur teilweise. Und bis heute kann keine noch so gut funktionierende Software die Trefferquote der menschlichen Spür-Augen toppen. Die Programme erkennen Menschen oft nur dann gut, wenn die Bilder von guter Qualität und aus einer idealen Perspektiven aufgenommen wurden. Petersen fände es toll, das Talent von Gesichtsdetektiven auch in Deutschland zu nutzen, etwa schon frühzeitig Super-Recognizer unter Polizeischülern zu identifizieren und sie entsprechend einzusetzen. In ihrer Forschung will sie nicht nur die Diagnostik weiterentwickeln, sondern auch den Fragen nachgehen, wie die Fähigkeiten zum Wiedererkennen verteilt sind und durch welche weiteren Merkmale wie Einfühlungsvermögen sie beeinflusst werden.

 Die Doktorandin lernt dabei auch etwas über sich selbst, ist sie doch selbst ein Super-Recognizer. Bei den Tests ragte sie heraus und übertraf sogar noch den Wert des Polizisten.

Zur Studie geht es hier.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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