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Ein Treffen unter Fremden

Tauschbörse Kiel Ein Treffen unter Fremden

Es ist ein Treffen unter Fremden, die sich sonst nie kennenlernen würden. Deutsche, Flüchtlinge und andere Migranten. Heute sind sie dennoch zusammengekommen: Es sind um die 30 – sie lachen, spielen, gestikulieren.

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Austausch von Ideen, Gedanken, Interessen, Sorgen: Am Schnack-Tisch wird gelacht, aber sich auch sehr ernsthaft unterhalten. Platz genommen haben Bernd Weisig (v.li.), Iwan Ahmad, Rosemarie Krützfeld, Hammoud Al Mohammad, Mudarkhan Muhammad, Linda Müller, Maria Victoria Metz, Hasib Hamra und Rachida Pichota.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. In dem Stimmengewirr hört man Farsi, Arabisch, Englisch, natürlich Deutsch, sogar Japanisch und oft mehrere Sprachen in einem Satz.Die Stimmung ist gelöst, obwohl nicht jeder jeden versteht und manchmal traurige Lebensgeschichten erzählt werden. So ist das alle vierzehn Tage, wenn sich die Tauschbörse trifft.

 Lange vor der großen Flüchtlingswelle im Jahr 2014 saßen sieben Freunde in Kiel zusammen und überlegten sich, wie sie Kontakt zu Flüchtlingen aufnehmen könnten. Daraus entstanden ist dieses regelmäßige, öffentliche Treffen unter dem Namen Tauschbörse. „Jeder ist uns willkommen – Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge. Wir tauschen uns kulturell aus, sprachlich und musikalisch“, erklärt Linda Müller (30), eine der Initiatorinnen des Treffens. Aber es gehe auch um den Austausch von Dingen, Fähigkeiten und Ideen. Dafür hat das Team vier Tische vorbereitet – einen nur so zum Reden bei Kaffee und Gebäck, einen zum Spielen, einen für Aktionen und einen, auf dem gebrauchte Sachen zum Tausch liegen.

 Fariba Ayazi (54) sitzt am „Schnack-Tisch“ und spricht etwas an, das hier alle irgendwie bewegt: „Ich werde wie ein Geist gesehen.“ Sie stammt aus dem Iran, war dort Lehrerin und lebt schon seit 25 Jahre in Kiel. Doch integriert fühlt sie sich trotz großer Bemühungen immer noch nicht. Das größte Problem sei die Sprache, der Akzent. „Jeder Mensch möchte gerne gesehen und gehört werden. Aber das ist für uns Ausländer nicht selbstverständlich. Man sieht uns nicht auf Augenhöhe.“ Ihr Tischnachbar Saraj Rahman Durani (20) aus Afghanistan ist erst seit ein paar Monaten in Kiel und spricht noch kein Deutsch, doch die Iranerin Ayazi kann übersetzen und berichtet, dass sich der junge Mann allein gelassen fühle und sich wünsche, ihn würde jemand an die Hand nehmen. Noch habe er die Hoffnung, irgendwann wie selbstverständlich zu dieser Gesellschaft zu gehören. Der erste Schritt ist getan. Sein Landsmann Hasib Hamra (30), einer der Gründer der Tauschbörse hat ihn hierhin mitgenommen. Und nun lernt er Deutsche kennen, wie Rosi Krützfeld, die ihr „großes Netzwerk“ anbietet und Migranten auf ihrem Weg unterstützt: „Das ist für mich eine Frage der Herzensbildung. Ich mache das sehr gern, denn ich erlebe hier gebildete, höfliche junge Leute“, sagt die 52-Jährige.

 Am Spieletisch gesellen sich drei junge Syrer dazu: Über Facebook hatten sie von dem Treffen erfahren und sind nun das erste Mal hier. In dieser Woche gab es für die 23-Jährigen einen Rückschlag, berichten sie auf Deutsch. Sie wollten in Kiel ihr Studium der Elektrotechnik fortsetzen, doch nun seien sie durch die Eignungsprüfung gefallen. „Das ist sehr ärgerlich. Wir verlieren viel Zeit und es gibt keine Garantie, dass wir es das nächste Mal schaffen. Die Inhalte in Mathe sind so anders als in Syrien.“ Daher seien sie nun auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, berichten Alaa und Almouayad. Neben ihnen sitzt die Japanerin Yoko Matsumura, die sich mit dem Kieler Bernd Weisig auf Englisch über die deutsche Grammatik unterhält. Sie forscht an der Kieler Uni als Biologin und er ist als Bankkaufmann „derzeit krankgeschrieben“. Ihr Austausch erfolgt über ein Würfelspiel, bei dem Sätze aus mehreren gegebenen Wörtern gebildet werden müssen. Ein Spiel, das alle Beteiligten ordentlich fordert.

 Am Nachbartisch hat Linda Müller Hennafarbe ausgepackt und malt den Kindern eines marrokkanisch-irakischen Paares, das sich vor Jahren in Kiel kennengelernt hat, Ornamente auf den Arm. Genau wie zwei weitere Frauen aus dem Orgateam studiert Müller an der Kieler Uni Migration und Diversität. Das Studium spiele für ihr Engagement bei der Tauschbörse keine Rolle, sagt sie. Für ihre Kommilitonin Victoria Metz (25) schon: „Ich kann doch nicht etwas studieren, mit dem ich mich in meiner Freizeit nicht beschäftige.“ Sie sieht ein großes Problem darin, dass „viele Menschen in ihrem Alltag Vorurteile gegenüber Migranten haben“: Der Schlüssel liege darin, aufeinander zuzugehen und das Unbekannte kennenzulernen, nur so verliere es seinen Schrecken.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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