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Telefonzellen sind Orte der Erinnerung

Karte für Kiel Telefonzellen sind Orte der Erinnerung

Das Sterben der öffentlichen Telefone im Handyzeitalter geht weiter: In Kiel will die Deutsche Telekom fünf der 83 verbliebenen Standorte abbauen. Nördlich des Kanals würde damit die letzte Telefonzelle verschwinden. Noch hat die Stadt die Planungen nicht genehmigt. Wir zeigen die Kieler Standorte in einer Karte.

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Viele Jugendliche haben eine Telefonzelle noch nie von innen gesehen.

Quelle: Ulrich Metschies

Kiel. Unkraut bahnt sich den Weg ins Zelleninnere. Traurig sieht sie aus. Traurig und verlassen. Ihr Design in Silbergrau und Magenta mit dem Telekom-T auf dem Dach – das war einmal modern. Moderner zumindest als die Vorläufermodelle in Gelb. Die verschrammte Metallfläche zwischen Münzeinwurf und Kartenschlitz erzählt von den zahllosen Versuchen einstiger Benutzer, ihre Geldstücke so lange zu schleifen, bis sie nicht mehr einfach so durchrutschen. Es riecht nach Schmutz und kaltem Rauch. Doch geraucht hat hier schon lange niemand mehr. Die Telefonzelle am Kieler Wilhelmplatz wirkt wie ein Relikt aus den Zeiten, als noch nicht jeder ein Handy hatte.

Das Sterben der öffentlichen Fernsprecher – es schreitet unaufhaltsam voran. Viele Jugendliche haben eine Telefonzelle noch nie von innen gesehen. Für Ältere ist sie ein Ort der Erinnerung – an das erste Telefonat zum Beispiel, das zu Hause niemand mithören sollte.

Bundesweit sind nach Angaben der Telekom aktuell noch knapp 30.000 öffentliche Telefone in Betrieb, 2007 waren es noch mehr als 100.000. Zum Vergleich: In ganz Deutschland kommen auf jeden Einwohner statistisch 1,4 Mobilfunkkarten. Wer braucht da noch ein öffentliches Telefon? 83 „ÖTEL“, wie sie im Telekom-Jargon heißen, gibt es noch in Kiel. Das sind 149 weniger als vor zehn Jahren. Für weitere fünf Standorte hat die Telekom bei der Stadt den Abbau angemeldet. Eine Zustimmung steht noch aus: „Uns liegt noch keine Begründung vor“, so eine Sprecherin der Verwaltung.

Standorte der Kieler Telefonzellen im Überblick 

Die „flächendeckende Bereitstellung von öffentlichen Münz- und Kartentelefonen“ ist nach Angaben der Bundesnetzagentur Bestandteil des sogenannten Universaldienstes gemäß Paragraf 78 Telekommunikationsgesetz. Wirtschaftlich ist der Betrieb vieler Telefonzellen ein schlechtes Geschäft. Detaillierte Zahlen will der Konzern nicht nennen, doch es liegt auf der Hand, dass die Kosten für Strom, Standortmiete, Wartung oder die Beseitigung von Vandalismus-Schäden (allein eine Million Euro jährlich) an vielen Standorten nicht annähernd durch Einnahmen gedeckt sind.

Und so darf die Telekom Städte und Gemeinden wegen eines Abbaus ansprechen, wenn auf deren Gebiet extrem unwirtschaftliche Fernsprecher mit einem Umsatz von weniger als 50 Euro im Monat stehen. „Der Umsatz ist ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung durch die Bevölkerung an dieser Stelle offensichtlich nicht mehr besteht“, sagt eine Telekom-Sprecherin. In aller Regel stimmten die Kommunen dem Abbau-Ansinnen zu. Kommt es nicht zu einem Konsens, tauscht die Telekom die vorhandene Kabine gegen ein günstigeres „Basistelefon“ aus – in der Regel einen Metallpfosten, an dem ein Telefon angebracht ist. Dort kann man – ausgenommen ist der Notruf – nur noch mit einer Telefonkarte telefonieren.

Wie lange die Zelle am Wilhelmplatz wohl noch steht? Immerhin gehört sie nicht zu den fünf Kieler Abbaukandidaten an den Standorten Harmsstraße 48, Karlstal 31, Osloring, Ostring 151 und An der Schanze 52 im Stadtteil Friedrichsort. Letztere ist nach Angaben der Stadt übrigens die letzte Kieler Zelle nördlich des Kanals. Vielleicht aber stimmt das gar nicht? Vielleicht steht irgendwo im Kieler Norden ja noch ein einsames, zugewuchertes und irgendwann vergessenes ÖTEL?

Wer etwas tun möchte gegen das Aussterben der Telefonzelle, kann sich ausgemusterte Exemplare in den Garten stellen oder zur Duschkabine umbauen, manche Gemeinden verwandeln die Kabinen in öffentliche Büchertauschbörsen. Ende 2013 hatte die Telekom begonnen, ihre alten Kabinen zum Kauf freizugeben. Sie kosten je nach Typ und Zustand ab 450 Euro – Lieferung und Montage nicht inbegriffen. Verfügbar sind aber nur noch Häuschen in Grau/Magenta; die gelben sind vergriffen.

Sie kennen weitere Standorte von Kieler Telefonzellen? Dann schicken Sie eine Mail an onliner@kieler-nachrichten.de, wir ergänzen unsere Karte.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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