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Tietze: Optimist mit grünem Herzen

OB-Wahl in Kiel Tietze: Optimist mit grünem Herzen

Vier Männer und eine Frau wollen als Oberbürgermeister-Kandidaten bei der Direktwahl am 28. Oktober das Kieler Rathaus erobern: Susanne Gaschke (SPD), Gert Meyer (CDU), Andreas Tietze (Grüne) sowie die parteiunabhängigen Kandidaten Jan Barg und Matthias Cravan. In der letzten Woche vor der Wahl beleuchten wir die persönlichen Seiten der Kandidaten in einer Porträtreihe.

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Andreas Tietze und seine Frau Anke beim Stöbern nach alten Platten: Der OB-Kandidat der Grünen, der gern Banjo und Mundharmonika spielt, griff als Bandmitglied früher oft zur Gitarre.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Andreas Tietze wirkt sogar beim Treffen im Kieler Café zuweilen, als sei er auf dem Sprung. Er sei ein Macher, hatte ihn die grüne Landtagsabgeordnete Anke Erdmann vor seiner Nominierung charakterisiert. Und als solcher will der Kandidat der Grünen für die Oberbürgermeister-Wahl der Stadt einen Innovationsschub verpassen. Sie soll kreativer werden, mit neuen Wohnvierteln am Wasser wachsen, in der Energiewende eine Vorreiterrolle spielen und dadurch neue Arbeitsplätze schaffen. „Das ist ein Wahlkampf auf Augenhöhe“, sagt der 50-Jährige selbstbewusst mit Blick auf seine Konkurrenten von der SPD, Susanne Gaschke, und der CDU, Gert Meyer. Sein Ziel ist es, die Stichwahl zu erreichen. Und dafür rechnet sich der Landtagsabgeordnete gute Chancen aus: „Ich bin ja Optimist“. Schließlich habe er Ideen, Erfahrung und Lust, diese Stadt zu regieren, meint der promovierte Sozialwirtschaftler.

An der eigenen Motivation, das Rathaus zu erobern, lässt der gebürtige Gelsenkirchener keinen Zweifel: „Sie steigt, je mehr ich Kiel kennenlerne.“ Ebenso wenig daran, dass er das Anforderungsprofil an einen Verwaltungschef mit 4400 Mitarbeitern erfüllt: Rechtskompetenzen, komplexe Sachverhalte erfassen, politische Erfahrung, menschliche Integrität, Führungsfähigkeiten. Schnell redet sich Tietze in Schwung, erzählt, wie sehr er als Familienmensch den Rückhalt seiner Frau Anke und der Kinder Jana (20) und Julian (19) braucht. Seit 2010 lebt er in der Woche in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Reventlouallee, am Wochenende fährt er zur Familie nach Sylt. Oder diese kommt zu ihm – wie etwa, als es galt, die Wohnung mit Ikea-Möbeln gemeinsam einzurichten.

Alle in der Familie, erzählt er, diskutierten gern am Tisch oder spielten Backgammon und „Siedler von Catan“: „Wir schenken uns dabei nichts“, sagt er und lächelt fröhlich: „Sie lieben mich, aber sie sind auch streng zu mir“. Wenn der Vater, der auch Theologe ist, zum Beispiel mal wieder beginnt zu dozieren oder einfach nicht einsieht, dass die Tochter ihr soziales Jahr in Peru um ein halbes Jahr verlängern will, statt in Deutschland zu studieren. „Wir versuchen, unsere Rolle im Abnabelungsprozess zu finden“, seufzt er und erntet ein verständnisvolles Nicken von seiner Frau Anke. Die Betriebswirtin (47) besucht ihren Mann jetzt häufiger in Kiel, eine für sie „unglaublich attraktive Stadt“. Während des Wahlkampfes hält sie sich zurück, will nur am Rand aufs Foto. Was aber, wenn es ihr Mann mit seinem Motto „Grüne können Stadt“ entgegen aller Prognosen schafft, Kiels neuer Oberbürgermeister zu werden? Für die Frau des Kandidaten keine Frage: Sie wird sich in Kiel eine neue Stelle suchen. „Mein Herz hängt mehr an Andreas als an der Insel“, stellt sie fest, woraufhin es ihrem sonst so wortgewaltigen Mann für einen Moment die Sprache verschlägt: Das klinge ja fast wie eine Liebeserklärung.

Bereits in den 90er Jahren lebte die Familie in Kiel, als Tietze beim Evangelischen Kirchenkreis arbeitete. Sie hatte ein Boot an der Förde, der Sohn ist hier geboren. Die Liebe zum Wasser, betont der leidenschaftliche Segler, habe ihn damals aus dem Ruhrgebiet in den Norden getrieben. Eine Sehnsucht, die ihn bis heute nicht loslässt. „Ich bin beim Segeln ein anderer Mensch“, erzählt er, während seine Frau ihm beipflichtet: „Er ist dann tiefenentspannt.“ So befremdet ihn eine Erfahrung der vergangenen Wochen „ein wenig“, die auch seine Konkurrenten gemacht haben: „Die Kieler entschuldigen sich immer wieder ein bisschen dafür, dass sie Kieler sind. Dabei ist ein Leben am Wasser ein Pfund, mit dem man noch mehr wuchern müsste.“ Die Stadt – und da ist der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Landtag wieder Wahlkämpfer – müsse die Förde für alle zurückerobern, mit mehr Restaurants, Anlegestellen für Hausboote, vor allem aber müsse sie als Verbindung zwischen Ost- und Westufer begriffen werden. Was er als Kandidat – auch durch Rückmeldungen von Freunden bestärkt – beherzigen will, ist, weniger zu predigen oder akademische Begriffe zu verwenden. Sollte er ins Rathaus einziehen, dann wird er kritische Leute um sich herum versammeln: „Ich liebe den Widerspruch, das gegensätzliche Argumentieren.“

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OB-Wahl in Kiel
Foto: Der große Balkon mit Blick auf die Esmarchstraße gehört zu den Lieblingsplätzen von Susanne Gaschke.

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