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Tietze will Gerechtigkeit für Gaarden

Oberbürgermeisterwahl Kiel Tietze will Gerechtigkeit für Gaarden

Fünf Kandidaten wollen bei der Oberbürgermeister-Wahl am 28. Oktober das Rathaus von Kiel erobern. Susanne Gaschke (SPD), Gert Meyer (CDU), Andreas Tietze (Grüne) sowie die unabhängigen Kandidaten Jan Barg und Matthias Cravan. Wie und wo werben sie für sich und ihre Positionen? In der dritten Folge der Reihe „Ortstermin“ spricht Andreas Tietze darüber, wie man speziell in Kiel-Gaarden Existenzgründer über einen Fonds unterstützen kann.

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Andreas Tietze traf in Gaarden Fachleute: darunter Irene Sebens, Geschäftsführerin der AWO, und Matthias Tietze, Pastor an der Sozialkirche.

Kiel. Ein paar Meter weiter lungern Berber mit ihren Hunden herum, doch wer das Café Dibbern am Vinetaplatz betritt, gelangt in eine Oase. Dunkles Mobilar, im Kamin knistert ein Feuer, an den Wänden hängen Bilder mit idyllischen Landschaften, und die Kellnerin bringt Kaffee und frisch belegte Brötchen, und dem Hund einer Seniorin auch gleich noch Wasser in einem Blechnapf. Schönstes Kiel: Auch das ist Gaarden.

Vor ein paar Monaten hatte Andreas Tietze türkische Frauen aus dem Quartier kennengelernt, die ihm von ihrer Idee einer Nähwerkstatt erzählten, in der sie Handtaschen herstellen wollen. Ein Kredit über 5000 Euro erschien ihnen zunächst überschaubar – und das, was ihnen das Gaardener Wirtschaftsbüro mit der Kieler Wirtschaftsförderungsgesellschaft als Mikrokredit anbot, hätte gut passen können. Allerdings war den Frauen ein Zinssatz von 8,9 Prozent in Verbindung mit einer Bürgschaft zu hoch. Das scheinen auch andere so zu sehen: Erst sechs Gaardener haben von dem Angebot eines Mikrokredits Gebrauch gemacht – 34 weniger als ursprünglich erwartet.

Wie es besser gehen könnte? Der Landtagsabgeordnete und Sozialökonom Tietze redet sich in Schwung, gestikuliert mit den Händen und versteht es zu begeistern. Die Kombination von Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Machbarkeit ist genau sein Thema. Einen Teil des Geldes, das Kiel ab 2013 nicht mehr für die Grundsicherung ausgeben muss (dann übernimmt der Bund die Ausgabe), würde er für einen revolvierenden Gaarden-Fonds einrichten: Kredite sollen zu einem Minimalzins vergeben und die Bürgschaftsrisiken auf mehrere Personen aufgeteilt werden. Der Grünen-Politiker stützt sich auf das Konzept des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus aus Bangladesh, der mit seiner Grameen-Bank erfolgreich Mikrokredite vergibt, um die Armut der Bevölkerung zu lindern. „Wenn die türkischen Frauen fünf Zeugen mitbrächten, müsste jeder Bürge im Notfall nur für 1000 Euro haften. So kommt man der finanziellen Gesamtsituation der Menschen entgegen.“

Jedes Jahr fließen nach Tietzes Angaben 60 Millionen Euro Transfergelder in den Stadtteil. Anstatt Eigeninitiative zu aktivieren, setze das Rathaus auf die höchste Sozialarbeiterdichte der ganzen Stadt und habe nicht nur zugelassen, dass Hartz IV-Empfänger vorwiegend hier angesiedelt werden, sondern dass mit einem Migrantenanteil von 62 Prozent eine Unwucht entstanden sei. „All das zeigt mir die Hilflosigkeit einer Verwaltung.“

Dirk Hoffmeister von Radio Gaarden lächelt höflich. „Wer eine Karriere von 20 Jahren Jobcenter hinter sich hat, ist nur noch selten bereit, ein wirtschaftliches Risiko auf sich zu nehmen“, sagt er. Der Schlüssel liege möglicherweise ganz woanders: Die meisten Sozialprojekte liefen nach ein paar Jahren wieder aus, und das werfe Menschen, die gerade dabei sind, Selbstvertrauen aufzubauen, immer wieder zurück. Matthias Ristau, Pastor an der Sozialkirche, nickt bei diesen Worten lebhaft. „Viele haben hier das Gefühl: Die in der Politik machen sowieso, was sie wollen.“ Aber Tietze habe Recht, wenn er fordere, dass Vorgänge unbürokratischer werden sollten.

Draußen vor der Tür weht ein überraschend kalter Wind. Tietze verteilt an Passanten grüne Windräder und stellt sich immer wieder vor. Andreas Tietze, der Oberbürgermeister-Kandidat der Grünen? „Aha“, sagt die erste Frau emotionslos und geht weiter. „Politik stört im öffentlichen Raum“, merkt Tietze an. Im Straßenwahlkampf müsse man sich auf viel Ablehnung gefasst machen.

Eine Viertelstunde später ist der 50-Jährige schon wieder sonniger gestimmt. Eine gepiercte junge Frau ist auf ihn zugekommen und hat ihn um ein Wahlprogramm gebeten. Tietze: „Hier in Gaarden sind die Leute freundlicher als auf der Holstenstraße.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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