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Titanenwurz ist aufgegangen

Botanischer Garten in Kiel Titanenwurz ist aufgegangen

Sie ist soweit! Die größte Einzelblüte der Welt hat sich am Mittwochmorgen um 5 Uhr im Botanischen Garten in Kiel geöffnet. Doch einen Ableger muss man nicht unbedingt zu Hause haben. Den die heißt ersehnte Blüte der Titanwurz stinkt bestialisch. Und unglaublich farbenprächtig sieht sie auch nicht.

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Die Titanenwurz ist aufgegangen.

Quelle: Webcam/Botanischer Garten

Kiel. Schon Meter vor dem Eingang zum Gewächshaus macht die Titanenwurz auf sich aufmerksam. Es riecht penetrant. Nach verwesendem Fleisch, nach alten Fischbrötchen, nach stinkenden Käsefüßen. Kaum öffnet sich die Tür zum Pflanzenreich, erschlägt einen die Hitze fast. Aber der Botanik-Star braucht zum Wohlfühlen nun einmal ein tropisches Klima. Rund 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen gerne bis 30 Grad.

19 Jahre ist die Pflanze alt. Damals wurde sie in Bonn ausgesät und nach Kiel verschenkt. Seit 2004 betreut sie Gärtnerin Sonja Tobin (46). „Als ich sie übernahm, war sie so groß wie ein Brötchen“, sagt sie. Jetzt wiegt die Knolle 65 Kilogramm, und die Blüte misst 2,16 Meter. Zweimal hat sie bereits geblüht – 2012 und 2014. Eine kleine Sensation. „Eigentlich sagt man, gibt es höchstens eine Blüte pro Jahrzehnt“, erklärt Kustos Martin Nickol. Aber die Kieler scheinen ein gutes Händchen für Amorphophallus titanum, so der lateinische Fachbegriff, zu haben. „Der Knackpunkt ist, dass die Knolle sehr, sehr anfällig ist. Sie kann beschädigt oder angefressen werden. Dann verfault sie“, sagt Sonja Tobin. Doch bisher ging alles gut. Auch weil sie jedes Jahr ausgegraben, gereinigt und an kleinen Stellen sterilisiert wird.

Die Titanenwurz gibt gerade alles

In wenigen Stunden wird die wuchtige Knolle allerdings ordentlich an Gewicht verloren haben. Denn sie gibt gerade alles. Die gesamte Energie wird in den Phallus (Spadix) gepumpt, der pulsierend enorme Hitze entwickelt, um den Gestank noch besser in die Luft verteilen zu können. „Das kann man sich im Grunde wie eine Duftlampe vorstellen“, sagt Sonja Tobin. „Es sollen ja möglichst viele Insekten angelockt werden.“ Hinter ihr gibt Stephan Böttcher den Botanikern Schützenhilfe. Mit einer Wärmebildkamera misst der Physiker die Temperatur der Pflanze. Unglaublich: An der Spitze des Kolbens herrschen 37 Grad, unten 28 bis 30 Grad. Schon vor vier Jahren war der Physiker hautnah dabei. „Mit meiner Tochter hab’ ich sogar eine Nachtschicht eingelegt, Fotos gemacht und schließlich einen Film dazu zusammengestellt“, erzählt er. Auch etliche Biologen nutzen die Gunst der Stunde. „Das ist total beeindruckend“, sagt Annika Voß (21) begeistert. An der Pflanze fangen ihre Kollegen gerade Duftmoleküle in kleinen Röhrchen ein oder messen den Sauerstoffgehalt am Blütenblatt. So ein Forschungsobjekt gibt es nicht alle Tage.

Die Titanenwurz hat noch mehr Besonderheiten. Am ersten Tag blüht sie weiblich, am zweiten Tag männlich. Unten am Kolben befinden sich unzählige klitzekleine Trichter mit Griffel – der weibliche Teil. „Die sind morgen vertrocknet“, sagt Sonja Tobin. „Dann haben die kleinen Pollenpäckchen darüber ihren Auftritt.“ Millionen Pollen werden freigesetzt, in kleine Gefäße gefüllt und eingefroren. Die Titanenwurz kann sich nicht selbst befruchten. Sie braucht fremden Pollen von außen. Und genau auf die warten die Kieler gerade händeringend. Aus München ist ein Paket unterwegs. Schon bald könnte der Knollen-Star also Mutter werden. Einziger Nachteil: Wenn’s klappt, stirbt die Pflanze vielleicht ab.

So herrscht denn auch am Mittwoch reger Betrieb im Gewächshaus. Der Botanik-Star, der 2,16 Meter misst, ist ein begehrtes Fotoobjekt. Nach 36 Stunden allerdings ist alles vorbei. Dann schließt sich die Blüte wieder, der hoch aufragende Kolben sinkt kraftlos in sich zusammen. Zu bestaunen ist Amorphophallus titanum, so der lateinische Fachbegriff, am Christian-Albrechts-Platz 1-9, zu den Öffnungszeiten von 9.30 bis 18 Uhr.

Titanenwurz live

Hier geht es zur Webcam.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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