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Die Dosis macht den Geist

Toxikologie-Ringvorlesung Die Dosis macht den Geist

Einige mussten sogar stehen. Dr. Hermann Kruse war etwas überrascht von den vollen Reihen des Hörsaals in der UKSH-Augenklinik, zu denen er, Begrüßungsworte sprechend, hinaufblickte. Offenkundig zog das Thema „Ernährung und kognitive Funktion“ besonders gut.

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Fisch, besonders Atlantischer Hering und Lachs, ist reich an Omega-3-Fettsäuren. Dass diese gegen entzündliche Prozesse in Gefäßen und Nerven wirken, ist unumstritten. Sind Nerven entzündet, leidet darunter die Leistung des Gehirns.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer (Symbolbild)

Kiel. Es wurde im Rahmen der Ringvorlesung „Ausgewählte Kapitel der Toxikologie und Umweltmedizin“ präsentiert. Kruse, der mit Institutsdirektor Prof. Dr. Edmund Maser für die seit Jahren bewährte Reihe verantwortlich zeichnet, gab selbst die Erklärung: „Schreib jedes Wort mit, hat meine Frau gesagt, das Thema ist so wichtig.“

Sehr schnell und konzentriert musste man mitschreiben. Denn Privatdozent Dr. Jan Philipp Schuchardt, der von Kruse mit viel Vorschusslorbeer geschmückte Referent, welcher in Kiel seine Bachelorarbeit über Schwermetallbelastungen im Getreide und seine Masterarbeit über Belastungen in Miesmuscheln aus dem Kieler Hafenbecken abgeliefert hatte, erwies sich als so schnell verschaltet, dass unweigerlich die Frage ins Hirn drängte, welche Ernährung dieser Mann in seinem Leben genossen hatte. Und ob man vielleicht seine Rezepte bekommen könnte…

Schuchardt fing beim Kinde an und führte aus, dass eine optimale Nährstoffversorgung in den ersten Lebensjahren für die Formation und Funktion von Synapsen im Hirn, für das Wachstum von Axonen und Dendriten (Nervenfortsätze), für die Neuronenproliferation (Aussprossung) und für die Myelinisierung (schützende Ummantelung von Nervenfasern) entscheidend wichtig sei. Leidet ein Kind Mangel, ist eine lebenslange Beeinträchtigung kognitiver Leistungen – Sprache, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Wahrnehmungsfähigkeit, gezielte Handlungsplanung, abstraktes Denkvermögen – zu erwarten.

Ist das Stillen dafür verantwortlich?

Der Referent zitierte eine Studie, in der vier Gruppen von Kindern, insgesamt 1300, einmal im Alter von drei und das zweite Mal im Alter von sieben Jahren miteinander verglichen worden waren. Diejenigen, die in ihren ersten sechs Lebensmonaten entweder ausschließlich Säuglingsnahrung oder eine Kombination von Muttermilch und Säuglingsnahrung oder vom Zeitpunkt eines frühen Abstillens vor Ablauf der sechs Monate an nur noch Säuglingsnahrung bekommen hatten, zeigten „eine signifikant schlechtere kognitive Entwicklung“ als diejenigen Kinder, die in den ersten sechs Monaten ausschließlich gestillt worden waren.

 Am Beispiel Eisen, das bei Unterversorgung zu Einschränkungen in der Gehirnentwicklung führt, zeigte Schuchardt, dass Kinder mit einem nachgewiesenen Eisenmangel von zusätzlicher Gabe (Supplementierung) von Eisen profitieren, nicht aber Kinder, die keinen Eisenmangel haben. Er schlussfolgerte: „Schlauere Kinder durch Multinährstoffgaben? Nein. Das hat keinen Sinn.“

Und wie sieht es bei Älteren aus? Leichte Verbesserungen der Gedächtnisfunktion infolge täglicher Einnahme von 2,2 Gramm Omega-3-Fettsäuren über sechs Monate zeigten „kognitiv gesunde 50- bis 75-Jährige“, die Schuchardt in einer Studie zusammen mit dem Institut für Neurologie der Berliner Universitätsmedizin Charité untersuchte. 220 Frauen zwischen 60 und 91 Jahren profitierten jedoch hinsichtlich eines kognitiven Abbaus nicht von Folsäure und Vitamin B 12 – täglich über sechs Monate.

Neue Studie ist geplant

In Vorbereitung sei jetzt eine Studie, die eine Kombination von kognitivem Training, Gabe von Omega-3-Fettsäuren und Kardiotraining untersuchen werde. Klar ist: Omega-3-Fettsäuren wirken gegen entzündliche Prozesse in Gefäßen und Nerven. Klar ist auch: Entzündliche Prozesse in den Nerven (Neuroinflammation) reduzieren die kognitive Leistung und begünstigen die Entstehung von Demenzen. Trotzdem, sagte Schuchardt, „ist noch nicht final geklärt“, ob die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren den Abbau der kognitiven Leistung verzögere.

Gerade bei älter werdenden und alten Menschen trete ein Problem auf, betonte der Ernährungswissenschaftler: Ihr Organismus kann zugeführte Nährstoffe nicht oder nur zum kleinen Teil aufnehmen, zum Beispiel wegen einer seit Jahren bestehenden Magenschleimhautentzündung (Gastritis) oder aufgrund von Veränderungen der Darmschleimhaut. „Nährstoffe sind in ihrer Wirksamkeit nur in einem Multifunktionssystem zu sehen“, bilanzierte Jan Philipp Schuchardt. Im Falle einer Gastritis müsse diese zuerst behandelt werden, sonst laufe eine Supplementierung ins Leere. Auch der „klassische Ein-Wirkstoff-ein-Endpunkt-Ansatz" gelte für Nährstoffe selten: Ein einzelner zugeführter Wirkstoff werde voraussichtlich keinen Effekt haben, sagte er, und viel helfe auch nicht viel.

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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