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Die „Bazille“ schließt für immer

Traditionskneipe Die „Bazille“ schließt für immer

Nicht nur für den Kieler Gastronom Saied Shojaee wird der Donnerstag ein schwerer Tag. Auch zahlreiche Stammgäste und Freunde der urigen Kieler Kneipenkultur werden fassungslos der Tatsache ins Auge sehen, dass in der „Bazille“ am 30. Juni nach fast 50 Jahren das letzte Bier über den Tresen geht.

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Vor acht Jahren hatte sich Saied Shojaee mit der Übernahme des Restaurants einen Traum erfüllt. Am Donnerstag schließt er die „Bazille“ in der Holtenauer Straße.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Die „Bazille“ schließt für immer Zapfhahn und Pizzaofen. Weil das alte Haus an der Holtenauer Straße grundsaniert wird und das Kneipenrestaurant dadurch Platz und Charme verliert, will Saied Shojaee das unternehmerische Risiko nicht mehr tragen.

Ein kleiner Zettel neben der Tür weist auf das nahende Aus hin: „Eine Ära geht zu Ende“, heißt es darauf. Die meisten Gäste haben ihn noch nicht gesehen. Sie sitzen altersgemischt auf der gemütliche Terrasse und ahnen nicht, dass diese, ebenso wie der große Innenraum mit den freundlichen Holzmöbeln, bald nicht mehr existiert. Generationen von Studenten haben sich hier vom Uni-Alltag erholt und so manche Vorlesung geschwänzt. Einige von ihnen sind längst im Ruhestand und kommen immer noch. Der Mittagstisch heißt passenderweise „Stammessen“ – man kennt sich und die umfangreiche Speisekarte.

Saied Shojaee sitzt ausnahmsweise auch mal auf der Terrasse, jetzt, wo sein Laden bald Vergangenheit sein wird. Der 44-jährige Familienvater kann es selbst nicht richtig fassen, schwankt zwischen Trauer und Pragmatismus. „Heute habe ich das Gewerbe abgemeldet“, sagt er. „Das war schon komisch.“ Die „Bazille“ sei ja schließlich ein Teil von ihm, sein „zweites Zuhause“.

Die Dringlichkeit der Grundsanierung durch seinen Vermieter stellt Shojaee nicht infrage. Das Haus ist alt, immer öfter platzen Rohre und streiken Leitungen. Doch die Vision des Besitzers für eine künftige Nutzung war für den gebürtigen Iraner der Anfang vom Ende. „Für die ,Bazille’ soll nur noch die rechte Gebäudeseite übrig bleiben, die linke Seite soll anderweitig vermietet werden und unser Eingang als Haupteingang für das gesamte Haus umgebaut werden.“

Nach seinen Berechnungen müsste die „Bazille“ in diesem Jahr 50. Bestehen feiern, aber so ganz sicher ist das nicht. Und jetzt ist es sowieso egal. Um sich abzulenken, hat Shojaee mit der Abwicklung seiner Kneipe begonnen: Küchengeräte und Mobiliar werden verkauft, Schlüsselübergabe an den Vermieter ist am 31. Juli. Anschließend wird er mit Frau und Tochter nach Flensburg ziehen, wo er im Restaurant seines Bruders arbeiten kann und auch schon mit der Übernahme eines neuen Lokals liebäugelt.

„Die Kieler sind so offen, wir werden sie vermissen“, unterstreicht Saied Shojaee. Und viele von ihnen werden die „Bazille“ vermissen – als eine der letzten ihrer Art.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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