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Flüchtlinge im Wartestau

Ausreise über Kiel Flüchtlinge im Wartestau

Kiel entwickelt sich zum zentralen Anlaufpunkt für Transitflüchtlinge, die nach Schweden wollen und Dänemark misstrauen. In Rostock sind mit 1900 Flüchtlingen alle Notquartiere belegt, die Kieler Helfer stellen sich auf insgesamt 1000 Flüchtlinge in dieser Nacht ein. Am Ende waren es 676.

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Viele Flüchtlinge packen bei Reinigung und Vorbereitung der Unterkunft im ehemaligen C&A-Gebäude mit an.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Kurz nach 18 Uhr vor der Kieler Markthalle. Immer mehr Menschen drängen auf das Gelände am Bootshafen, viele setzen sich auf die Erde, warten stoisch auf Einlass. Andere diskutieren oder versuchen, über Handy Neuigkeiten zu erfahren.  Plötzlich stößt eine Gruppe von gut 300 Menschen, vor allem Frauen und Kinder dazu. Sie kommen aus dem C&A-Gebäude, das kurzerhand zur Tagesunterkunft erklärt worden ist. Jetzt müssen sie dort hinaus, damit dort der Boden gefegt, die Bierzeltgarnituren zur Seite geräumt und die notdürftigen Nachtlager vorbereitet werden. Eine Arbeit, die die Männer unter den Flüchtlingen übernehmen.  „Vorsicht, dort ist Wasser auf der Erde, das mache ich weg“, sagt uns ein junger Mann aus Somalia und holt schnell einen Aufnehmer, während etliche andere Männer aus Syrien und dem Irak stapelweise Matratzen heranschleppen und  dicht an dicht auf dem Zementboden auslegen. „Deutschland tut so viel für uns, wir wollen auch etwas helfen“, sagt  Mohammad Alsaleem aus dem Irak.

Hier sind die Fotos von den Übernachtungsmöglichkeiten am Bootshafen Kiel.

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Im ehemaligen Warenhaus sind mit Baustellenzäunen und Planen notdürftig mehrere Abteilungen abgeteilt, damit Familien mit Kindern etwas Ruhe für sich haben. Vor allem der Zugang vom ersten Stock in die weiteren Geschosse ist gut abgeriegelt. So soll verhindert werden, dass ein Kind dort verloren geht – es wäre in dem weitläufigen Gebäude kaum wieder aufzufinden. „Allein in der letzten Nacht hatten wir 256 Kinder und 15 Säuglinge hier“, sagt der Kieler Stadtrat Gerwin Stöcken und ist froh, dass er rechtzeitig das ehemalige C&A-Gebäude für den Notfall sichergestellt hat. „Es war die richtige Entscheidung, sonst müssten viele Menschen draußen schlafen.“

In der Nacht zu Sonntag rechnete Kiel mit 1000 Transitflüchtlingen. Man war vorbereitet, doch in der Nacht kamen nur noch wenige in Kiel an. Am Ende wurden 676 (517 Erwachsene, 144 Kinder und 15 Säuglinge) in den beiden Notunterkünften  - Markthalle und altes C&A-Gebäude - betreut.

Während Jörg Hagedorn von der Kieler Berufsfeuerwehr nach einer 12-Stunden-Schicht die Leitung an seinen Kollege Dennis Peters übergibt, versucht Evar Mohammad, Fragen der Flüchtlinge zu beantworten. Die junge Frau, die selbst vor eineinhalb Jahren aus Syrien geflüchtet ist, gehört zu den rund 50 freiwilligen Helfern, ohne die diese Aufgabe hier gar nicht zu bewältigen wäre. Es sind Einzelpersonen, die dolmetschen, Mitglieder von ASB, Maltesern, Johannitern und DRK, aber auch Mitglieder des interreligiösen Arbeitskreises, die für das warme Mittagessen sorgen, und viele Bürger, die sich bei „ Kiel hilft Flüchtlingen“ engagieren.   

"Der Stau wird immer größer"

Evar Mohammad steht schon seit dem frühen Morgen für die Flüchtlinge bereit, hat vor allem beim Ticketkauf geholfen, bei dem es immer wieder zu schwierigen Situationen kommt: Nur etwa 70 Tickets stehen pro Fahrt Tag auf der Stena zur Verfügung, an diesem Tag wollten aber 850 mit. „Der Stau wird immer größer“, sagt die junge Syrerin, bevor ihr der nächste Flüchtling seinen Arm hinhält  und fragt: „Wie lange noch?“ Ein rotes und ein gelbes Band trägt er um sein Handgelenk – das sichere Zeichen dafür, dass er bereits zwei Tage vergeblich versucht hat, ein Fährticket zu ergattern. „Ich weiß es nicht“, sagt Evar Mohammad ehrlich, „vielleicht noch zwei, drei Tage.“ 

Was passiert, wenn sich der Stau wartender Transitflüchtlinge weiter so schnell wie an diesem Wochenende aufbaut, weiß auch Sozialdezernent Stöcken nicht. „Bisher bekommen wir das dank der professionellen und ehrenamtlichen Helfer alles noch hin. Im November werde ich mich aber mit Kollegen der anderen Hafenstädte treffen, um eine bessere Abstimmung untereinander zu verabreden.“

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Foto: Stehen in der Schlange: Vor der Markthalle und dem C&A-Gebäude in Kiel warten Flüchtlinge auf eine Übernachtungsmöglichkeit.

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