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Wenn Tod gleichzeitig Leben bedeutet

Transplantationsmedizin Wenn Tod gleichzeitig Leben bedeutet

Philosophie- und Religionsunterricht ist naturgemäß theoretisch. Für rund 90 Zehntklässler des Ernst-Barlach-Gymnasiums gab es am Mittwoch eine ganz lebensnahe Ethiklehrstunde direkt am Universitätsklinikum (UKSH). Experten klärten die Fragen der Schüler rund um das Thema Transplantationsmedizin.

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„Es ist toll, dass sich die Spezialisten Zeit für unsere Schüler nehmen“, freute sich EBG-Schulleiter Christian Stegmann (links) über die Vorträge von Medizinethikerin Prof. Alena Buyx, Oberarzt Prof. Felix Braun, Neurochirurgin Dr. Stephanie Patek und Tobias Rudolph von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (von links).

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Wann bin ich tot? Wie wird der Hirntod festgestellt? Wenn ich Organspender bin, schalten Mediziner dann im Zweifel früher ab? Wer bekommt zuerst ein Spenderorgan? Kann jemand das Spenden eines Organs für sich selbst ablehnen und dann trotzdem eine Spende empfangen? „Es geht hier um Fragen, die man als Laie nicht klären kann“, sagte Schulleiter Christian Stegmann, und war selbst „sehr gespannt“ auf die Unterrichtseinheit.

„Man könnte viele Leben retten, wenn man nur einen von ihnen umbringen würde.“ Mit dieser Provokation brachte Alena Buyx, Professorin für Medizinethik, die Schüler zum Lachen. Denn längst hatten sie sich in der Schule mit dem Dilemma beschäftigt, dass durch die Transplantationsmedizin erstmals der Tod eines Menschen verknüpft ist mit der Lebensrettung eines anderen. Die Lösung, so Buyx, liefere Immanuel Kants kategorischer Imperativ, wonach kein Mensch nur als Mittel zum Zweck eingesetzt werden dürfe, und der hier die Basis für deutsche Rechtsprechung liefere. „Aber wir dürfen den Menschen teil- instrumentalisieren.“

Wie das in der Praxis sicher funktionieren könne, erklärte Dr. Stephanie Patek. Als Neurochirurgin stelle sie den Hirntod von Patienten unabhängig von einer Organspende fest. Hierfür prüfe sie unter anderem Reflexe, messe Kohlendioxidkonzentration im Blut und Hirnströme. Patek betonte, dass zwei Mediziner ihre Diagnose stellen müssten. „Der Patient ist in dem Moment hirntot, wenn der zweite Arzt die Unterschrift unter sein Protokoll gesetzt hat.“ Ein willkürlicher Zeitpunkt, räumt sie ein, der durchaus früher oder später hätte eintreten können. Was aber bedeutet Hirntod? „Ein Zustand der irreversiblen erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, Kleinhirns und des Hirnstamms“, laute die Definition. Bleibe die Sauerstoffversorgung im Hirn nur für fünf Minuten aus, trete der Hirntod ein. Ein Zustand, der erst 1968 definiert wurde, als Intensivmediziner in der Lage waren, Patienten zu beatmen, diese aber nie wieder aufwachten. Damit sei der Hirntod zwar Voraussetzung für eine erfolgreiche Transplantation, aber nicht zu ihrem Zweck definiert worden.

„Was ist, wenn jemand nicht spenden will, aber selbst gern ein Organ in Anspruch nehmen würde“, fragte eine Schülerin. „Dieses Trittbrettfahrerverhalten ist rechtlich möglich, aber aus moralischer Sicht abzulehnen“, befand Buyx und lieferte eine Zahl zu dem größten Problem der Transplantationsmedizin, dem Mangel an Spenderorganen: „Jeden Tag sterben drei Menschen in Deutschland, weil ihnen Organe nicht zur Verfügung stehen.“ Die Gründe für die geringe Spendenbereitschaft war den Schülern bekannt: Ängste vor Fehldiagnosen und Organhandel, die Sorge, die Unversehrtheit des Körpers werde verletzt und der Glaube, dass Seele und Körper eine Einheit bilden müssten. All diese Argumente „bis auf die Integrität sind unbegründet“, führte Buyx aus, und Prof. Felix Braun, Oberarzt am Transplantationszentrum, betonte: „Wir können Ihnen versichern, wir kämpfen um jedes Leben. Jeder bekommt die Maximaltherapie.“

„Wie können die wenigen Organe gerecht verteilt werden?“, lautete eine weitere Frage. In Deutschland gelte die Regel „sickest first“, nach der die Patienten mit der schwersten Erkrankung zuerst mit einem Organ versorgt würden, erklärte Braun. Doch immer noch sei der Tod auf der Warteliste real, sagte der Chirurg und nutzte die Schülerveranstaltung, um für Organspenden zu werben. Schüler Torben Bartels (19) nahm sich gleich einen ganzen Stapel Infobroschüren und Organspendeausweise mit. Auch wenn er längst einen Ausweis bei sich trägt. Er ist nun gewappnet, andere auszustatten und von der guten Sache zu überzeugen. Nicht nur Theoretisches hat er in solchen Gesprächen beizutragen. „Einem Mitschüler und gutem Freund von mir wurde ein neues Herz transplantiert“, berichtet er. Sein bestes Argument pro Organspende lautet seither: „Hätte nicht jemand gespendet, wäre mein Freund jetzt tot.“

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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