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Kieler Zeitgeschichte in Plastik

Tüten-Nostalgie Kieler Zeitgeschichte in Plastik

Eigentlich ist sie gerade auf dem Rückzug, die gute, alte Plastiktüte mit Geschäfts-Logo, die es früher an jeder Kasse ungefragt zur Ware dazu gab und die heute als Umweltsünde schlechthin ganz langsam aus Läden und Haushalten verschwindet. Aber, Hand aufs Herz: Ein bisschen schade ist das ja schon.

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Martha Hesselbarth (83) besitzt nicht nur eine umfangreiche Sammlung alter Plastiktüten, sondern weiß sogar noch, was sie darin transportiert hat. „Was ich für wertvoll halte, will ich behalten“, erklärt die Kielerin ihre Tüten-Nostalgie.

Quelle: Lutz Timm

Kiel. Schließlich war sie als Werbeträgerin und wasserdichte Verpackung für so ziemlich alles ziemlich nützlich. So erspähte Kielia neulich eine alte Weipert-Tüte als Sattelschutz und schwelgte gleich in stadthistorischen Erinnerungen. Ebenso erging es wohl auch vielen, vielen Lesern. Denn ihre Frage, ob es wohl noch weitere Plastiktüten aus vergangenen Tagen gibt, wurde mit einer wahren Tütenflut beantwortet. Und dafür gibt es erst einmal ein großes Dankeschön.

Das sind die Plastiktüten-Bilder alter und ehemaliger Kieler Unternehmen.

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Nostalgie oder Sammelwut? Bei Martha Hesselbarth ist es wohl von allem ein bisschen. Die 83-jährige Kielerin hat Dutzende Plastiktüten fein säuberlich gefaltet und nach Ländern sortiert im Keller aufbewahrt. Die Logos von Geschäften, die einst die Kieler Innenstadt prägten, springen sofort ins Auge: Weipert, Hartung, Brinkmann, Hertie und viele mehr. „Ich kann mich sogar noch an die Einkäufe erinnern“, sagt Martha Hesselbarth, die nicht nur eine ausgeprägte Sammelleidenschaft für Plastiktüten entwickelt hat, sondern auch mehr als 1000 Kalender, Modemagazine aus den 50er-Jahren, hochwertige Stoffe, Nähbedarf und vieles mehr. „Was ich für wertvoll halte, will ich behalten“, sagt sie entschieden. Aus einigen Plastiktüten hat sie auch Neues entworfen, zum Beispiel Fächer gebastelt. Im Keller ihres alten Hauses war genug Platz dafür, doch jetzt ist Martha Hesselbarth mit ihrem Mann Klaus, ehemals technischer Leiter des Alten Botanischen Gartens, in eine kleinere Wohnung gezogen und will ihre Plastiktüten schweren Herzens „gegen eine kleine Gebühr“ abgeben. Auch die Töchter haben schon Interesse angemeldet: Auf dem Flohmarkt sind die Nostalgietüten begehrte Ware.

"Vermisse die alten Geschäfte"

Angeregt durch Kielias Frage nach weiteren alten Tüten, hat Fotograf und Grafiker Michael Henry gleich eine ganze Fotoserie an die Redaktion geschickt. Sein Kollege, der namentlich nicht genannt werden möchte, hat die Sammlung seines Vaters vor fünf Jahren von Henry fotografieren lassen. Viele der Logos entlocken dem Betrachter ein spontanes „Ach ja, die gab es ja auch mal“. Hohwü, der Feinkostladen in der Holstenstraße, beispielsweise mit dem typischen roten Hummer im Logo, das Schuhgeschäft Rümmeli, der Elektrofachmarkt Brinkmann oder die Buchhandlung Montanus. Christa Veith hat in ihrem kleinen Wollschränkchen eine Tüte des Modehauses Hartung gefunden. Darin bewahrt sie grüne Baumwolle auf. „Ich vermisse die alten Geschäfte, die früher zu einem Einkaufsbummel nach Kiel lockten“, sagt die Rendsburgerin. Eine Leserin aus Kiel erinnert sich ebenfalls wehmütig an alte Zeiten, wenn sie ihre Tüte von Weipert betrachtet. Genau so unbeschadet seien auch die Gardinen, die sie in dieser Tüte nach Hause transportiert habe. „Diese Qualität findet man selten.“

KN-Leser Joachim Pfadt vermutet also zu Recht, dass Kielia mit dem Thema „eine Riesenlawine“ losgetreten habe. Er selbst besitzt noch ein ganz besonderes Stück aus dem Jahr 1970 oder 1971, so ganz genau weiß der Groß Rönnauer das auch nicht mehr. Jedenfalls handelt es sich um eine Karstadt-Tüte, blau mit pinkfarbenen Rauten. Joachim Pfadt war beim Erwerb der Tragetasche Student der Pharmazie und wohnte in Holtenau. „Nach dem Erstgebrauch befüllte ich das gute Stück mit Sand- und Schleifpapieren aller Körnungen und Größen für die Aufbewahrung und den Gebrauch in meiner Hobbywerkstatt.“ Und dabei sei es bis heute geblieben. Als Beweis schickt er das Foto einer verblichenen, aber immer noch intakten Tüte. Eine Zweckbeziehung fürs Leben.

Als Kommunikationsmittel ausgedient

Als Werbemittel hat die Plastiktüte nicht nur aus Umweltgründen ausgedient, sagt Kathrin Ivens, Kundenberaterin der Kieler Werbeagentur New Communication. „Das Medium hat einmal Kundenkontakt im Laden und dann vielleicht noch auf dem Weg nach Hause, danach sieht es keiner mehr.“ Unternehmen würden heute auf nachhaltige und wiederverwertbare Werbemittel setzen. Der Platz, den eine Tüte zu Werbezwecken biete, sei außerdem sehr begrenzt. Die Botschaft müsse aber im Bruchteil einer Sekunde vermittelt werden. Unter diesem Aspekt fallen viele Designs der alten Tüten bei Ivens durch. „Viele sind ein Albtraum, da sind zu viele Infos drauf, die man im Vorübergehen gar nicht erkennen kann.“ Löbliches Vorbild ist für sie eine Plastiktasche des Herrenausstatters Blohm: beigefarbene schlichte Tüte, im unteren Drittel der Slogan: „Das trägt Mann.“ „Das ist der Inhalt, den man auf einer Tüte platzieren kann, der springt ins Auge“, sagt Kathrin Ivens. Auch die Retro-Tüte von Weipert bekommt gute Noten. „Die ist hübsch und cool, würde auch als Jutebeutel funktionieren.“ Der wiederum würde allerdings nicht als Regenschutz für Fahrradsättel taugen – man kann eben nicht alles haben.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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