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Schock und die Frage nach dem Warum

US-Wahl: Reaktionen aus Kiel Schock und die Frage nach dem Warum

Es versprach ein ruhiges Frühstück in kleinem Kreis zu werden. Doch als einige Mitglieder der Amerika-Gesellschaft Schleswig-Holstein um 10 Uhr im Kennedy-Infozentrum zusammenkamen – also kurz nachdem Donald Trump als Präsident feststand – war alles anders.

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Das US-Fernsehen lief nur nebenbei. Die Neuigkeit über Donald Trumps Wahlsieg nahmen die Amerikakenner und -freunde erst fassungslos auf, dann diskutierten sie über die Ursachen und Folgen.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Der Raum vollgedrängt mit Leuten, der Lärmpegel hoch, die Zukunft abhängig von einem Populisten. „Ich bin entsetzt und verspüre eine leichte Übelkeit“, sagt Organisatorin Catharina Jerratsch (30). Genau wie viele andere Amerikafreunde und Vereinskollegen hatte sie überhaupt nicht mit einem Sieg Trumps gerechnet. Und das, obwohl sie das Land gut kennt und dort studiert hat. „Es ist eine Katastrophe. Ich packe meine Koffer und wandere nach Europa aus“, hatte ihr gerade ein befreundeter Geschichtsprofessor aus Massachusetts mitgeteilt. Der Schock sitzt aber auch bei den Kielern tief: „Natürlich hatten wir hier alle sehr gehofft, dass das anders ausgeht“, sagt Schatzmeister Manfred Fenker (74), „Jetzt haben die Amerikaner einen Ellenbogenkapitalisten zum Präsidenten gemacht – einen, der rücksichtslos ist und seine Versprechen nicht hält.“

"Innerlich sehr aufgewühlt"

„Ich bin innerlich sehr aufgewühlt. Aber man darf nicht in Panik verfallen, man muss abwarten“, beruhigt sich der ehemalige Vorsitzende Jan Bensien (47) und berichtet: „Als ich in der Zeit von Bill Clinton in den USA studiert habe, war das Land liberal. Menschenrechte und Wirtschaftswachstum standen damals noch nicht im Gegensatz. Es hat aber ein absoluter Wertewandel stattgefunden. Das ist besorgniserregend, denn diese Wahl kann auch rechten Gruppen in Europa Auftrieb geben.“ Seine Söhne würden nun „in einer ganz anderen Welt aufwachsen: viel radikaler und religiös extremer“.

Die Jobs fehlen

Doch wie erklären sich die Amerika-Kenner den Wertewandel und Wahlausgang? „Obama und Trump haben völlig unterschiedliche Wählergruppen mobilisiert“, meint Bensien. Und Berthold Schik (79), stellvertretender Schatzmeister, hat zeitweise in den USA gelebt und kennt die Motive der typischen Trump-Wählerschaft: Es sei die weiße, untere Mittelschicht, der es einst gut ging, die ihre gut bezahlten Jobs verloren habe und sich nun mit zwei, drei Teilzeitjobs über Wasser halte. „Diesen sozialen Abstieg ohne staatliche Absicherung kennen wir so nicht.“ Dahinter stecke das mehr als 200 Jahre alte amerikanische Prinzip: „Wer hart arbeitet, der hat Erfolg und steigt auf. Der Staat soll dabei aber nicht eingreifen.“ Doch nun fehlen diese Jobs. Trump stelle sich gegen das von seinen Wählern dafür verantwortlich gemachte, verhasste Establishment. „Die Leute glauben, er könne die Lage verbessern, denn er hat ein Imperium aufgebaut, ist erfolgreich.“

Manfred Fenker ergänzt: „In Amerika zählt vor allem, wie viel Geld Du hast. Wenn Du jemanden kennenlernst, kommt immer diese Frage: Was machst du beruflich, und was verdienst du? Trump ist zwar sechs Mal pleite gegangen, aber er hat es immer wieder geschafft: Er verkörpert den Pioniergeist.“ In Florida besucht Fenker regelmäßig Freunde und erlebte nun, wie sich diese von „glühenden Demokraten“ hin zu Trump-Wählern entwickelten: „Clinton hat in deren Augen zu viele Fehler gemacht, und zwar schon als Außenministerin. Die Amerikaner haben dann kein Problem, einfach die andere Seite zu wählen. Sie argumentieren: Wenn du mit deiner Ehefrau gar nicht mehr zurechtkommst, lässt du dich ja auch scheiden.“

Trump könnte Mittel kürzen

Jana Hirsch, die Vorsitzende der Amerika-Gesellschaft, kann bei all diesen Gesprächen vor allem interessiert zuhören. Sie selbst war noch nie in Amerika. Den Wahlausgang findet sie zwar tragisch, hat dennoch Anlass zur Freude: „Beim Wahlfrühstück waren ja über 40 Gäste, die Hälfte davon Medienvertreter. Von dieser Aufmerksamkeit können wir nur profitieren.“ Ihr Stellvertreter Berthold Schik sieht hingegen mindestens zwei direkte negative Auswirkungen, die die Wahl auf die Amerika-Gesellschaft möglicherweise habe: „Trump könnte die Mittel für die US-Botschaft in Deutschland kürzen, diese dann wiederum weniger Geld für unsere Projekte zur Verfügung stellen. In der Folge müssten wir Angebote streichen.“ Und zweitens befürchtet er, dass der Verein mit der US-Regierung in Verbindung gebracht werde: „Dabei sind wir politisch völlig unabhängig.“ Schik hoffe nun, dass es kein Sicherheitsrisiko gebe und das Kennedy-Infozentrum nicht wieder von Kritikern attackiert werde: „Das hatten wir nach der Wahl von Georg W. Bush schon einmal.“

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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