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Immer Ärger mit den Akten

Prozess Immer Ärger mit den Akten

Der Prozess im Landgericht Kiel begann nach Plan: Der Staatsanwalt verliest den Tatvorwurf. Demnach hat der 26-Jährige mit einer Pistole bewaffnet und maskiert eine Bäckerei in Kiel-Meimersdorf überfallen und 2500 Euro erbeutet. Dann erklärt der Verteidiger: „Ohne Akte kann ich nicht verhandeln.“

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Der Prozess am Landgericht Kiel verlief nicht nach Plan.

Quelle: dpa (Symbolfoto)

Kiel. Hat der Kieler Rechtsanwalt seine wichtigste Arbeitsgrundlage in der Kanzlei vergessen? Oder in der Kantine liegenlassen? Nein. Er hat die Akte noch gar nicht bekommen, obwohl er sie schon mehrfach beim Landgericht angefordert hatte. Zuletzt vor dreieinhalb Monaten. „Ein Versehen“, räumt der Vorsitzende der Strafkammer ein und entschuldigt sich höflich.

 Doch warum hat der Verteidiger den Richter seit August nicht mehr an die Akte erinnert? Zum Beispiel im Oktober, als man den Fall gemeinsam beim Haftprüfungstermin besprach. Oder einfach noch mal angerufen? Und warum hat er nicht längst auf die Unterlagen seines Kollegen zurückgegriffen, der neben ihm sitzt? Verpflichtet war er dazu nicht. Formal bleibt der Fehler beim Gericht.

 Der Vorsitzende bietet dem aktenlosen Verteidiger sofortige Übergabe der Unterlagen an. Doch der Anwalt sieht sich zu einer kurzfristigen Einarbeitung zeitlich nicht in der Lage. Er zieht es vor, den Prozess platzen zu lassen. Einen Neustart kann die Strafkammer allerdings „frühestens Ende März 2017“ anbieten.

 Die Anwälte nicken. Zur Überraschung des Gerichts haben sie offenbar kein Problem, ihren Mandanten weitere vier Monate in U-Haft schmoren zu lassen. Und sie haben noch einen zweiten Antrag gestellt, der die Richter ebenfalls in Bedrängnis bringt: Keine zwei Wochen vor Prozessbeginn forderten sie die Bestellung eines Gutachters, der den Angeklagten auf mögliche Drogenprobleme untersuchen soll.

 Zu kurzfristig für das Gericht: Für den ersten Sitzungstag fand man keinen Sachverständigen mit der passenden Lücke im Terminkalender. Bis zum Frühjahr könne ein Gutachter den Angeklagten ja in aller Ruhe vernünftig explorieren, meinen die Verteidiger. Nun platzt dem Staatsanwalt, der sich anfangs über die Versuche, das Verfahren in die Länge zu ziehen, nur „ein bisschen geärgert“ hat, endgültig der Kragen: „Da sträuben sich alle Haare!“

 Doch dem Vorsitzenden bleibt nichts übrig, als alle sechs Zeugen nach anderthalbstündiger Wartezeit „wegen prozesstechnischer Probleme“ wieder wegzuschicken. Ein Mitarbeiter des Weißen Rings äußert Unverständnis für die formaljuristischen Scharmützel und spricht von zusätzlicher Belastung für die Raubopfer.

 Mindestens eine der beiden betroffenen Bäckerei-Verkäuferinnen sei traumatisiert, berichtet der ehrenamtliche Helfer auf Nachfrage in einer Sitzungspause. Nach dem Überfall vom 2. August 2015 sei die Frau nicht mehr in der Lage gewesen, am Tatort weiterzuarbeiten.

 Die Stimmung im Sitzungssaal ist am Boden. Der scharfe Ton zwischen Staatsanwalt und Verteidigern wirkt offenbar ansteckend. Als der Angeklagte mal austreten muss, raunzt ein Justizwachtmeister seinen Kollegen an: „Den Toilettengang können wir ihm nicht verweigern!“ Der Beamte legt dem mutmaßlichen Räuber die Handfesseln an und führt ihn ab.

 Wie soll es weitergehen, was wird aus der Verhandlung? Die Kammer zieht sich zur Beratung zurück. Schließlich bittet der Vorsitzende beide Rechtsanwälte zum Gespräch. Hinter verschlossenen Türen findet man am Ende doch noch einen gemeinsamen Fortsetzungstermin. Sitzung beendet, Prozess gerettet. Für Mitte Dezember sind alle Beteiligten erneut geladen.

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