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Jugendhilfe am Rand des Möglichen

Unbegleitete Flüchtlinge Jugendhilfe am Rand des Möglichen

Die Unterbringung und Betreuung minderjähriger Flüchtlinge ohne Begleitung bringt die Stadt Kiel an den Rand ihrer Möglichkeiten. „Nach den extrem gestiegenen Zahlen in den vergangenen Monaten haben wir dafür weder ausreichend Personal noch Räume“, betont Bildungsdezernentin Renate Treutel.

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Ahmad Khalid (15) aus Afghanistan hat Unterschlupf in einer neuen Wohngruppe der Stadt in der Diesterwegstraße gefunden.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Wir arbeiten derzeit in einer Art Notprogramm-Modus.“ Besonders drastisch zeigt sich die angespannte Situation auf dem überfüllten Jugendhof Hammer, wo bis zu 130 Jugendliche aus Krisengebieten dicht gedrängt leben müssen. „Fast jede Nacht kommt es dort zu teilweise handgreiflichen Zwischenfällen“, berichtet die für stationäre Hilfen zuständige Jugendamt-Abteilungsleiterin Corsi Peters.

 Anlass dafür sind ihrer Beobachtung nach oft Rivalitäten Jugendlicher aufgrund vermeintlicher Benachteiligungen: „Manchmal platzt mir dann auch der Kragen, wenn sie nicht respektvoll miteinander umgehen.“ Renate Treutel wirbt hier um Verständnis: „Monatelang mussten die minderjährigen Flüchtlinge auf sich allein gestellt ums Überleben kämpfen. Zudem herrschen in ihren Kulturen völlig andere Regeln des Zusammenlebens. Sie werden Zeit brauchen, sich an unsere Regeln zu gewöhnen.“

 Dringend nötig seien daher Bezugspersonen, die den Jugendlichen dabei helfen. Doch das dafür zur Verfügung stehende Personal könne dies angesichts fast explodierter Zahlen kaum bewältigen. Nahm die Stadt im Juni dieses Jahres noch 68 unbegleitete junge Flüchtlinge teilweise für einen begrenzten Zeitraum in Obhut, waren es Anfang Oktober schon 561. Nach aktuellen Schätzungen leben derzeit rund 300 von ihnen für eine unabsehbare Zeit in Kiel.

 Ihre Unterbringung stellt die Stadt vor massive Probleme. Außer auf dem überfüllten Hof Hammer sind die jungen Flüchtlinge – in der Mehrzahl im Alter zwischen 15 und 17 Jahren – entweder in derzeit sechs betreuten Wohngruppen, dem Jugendhaus Kahlenberg oder sogar in der Jugendherberge untergebracht. Zumindest etwas Entlastung erhofft sich die Dezernentin, wenn „hoffentlich“ in ein paar Wochen der Umbau eines Gebäudes in der Flüchtlingsunterkunft Schusterkrug auf dem ehemaligen MfG5-Gelände in Holtenau für bis zu 50 Jugendliche abgeschlossen ist. „Eigentlich müssten jetzt Heime wie Pilze aus dem Boden schießen, tun sie aber nicht“, sagt die Bildungsdezernentin, die für Herrichtung einer Unterbringungsmöglichkeit Kosten von 250000 bis einer Million Euro kalkuliert.

 Auch personell bewege sich die Stadt „am äußersten Rand des Machbaren“. Lediglich zehn Vormünder stünden derzeit zur Verfügung, von denen jeder laut Gesetz bis zu 50 Jugendliche betreuen darf. Nur zu gerne würde die bei der Stadt für Vormundschaften zuständige Abteilungsleiterin Eva Jordan damit auch Privatpersonen betrauen. Denn Interessenten dafür gebe es durchaus. „Aber uns und dem Vormundschaftsgericht fehlen die Kapazitäten, um dafür die Voraussetzungen zu schaffen.“

 Gleiches gelte auch für die Anbahnung von Patenschaften, bei denen die Jugendlichen zumindest für ein paar Stunden die Woche in Familien ihre Freizeit verbringen können, um so Einblicke in die deutsche Kultur zu erhalten.

 Sorge bereitet Renate Treutel aber noch ein weiterer Umstand: Allein in den ersten Wochen des kommenden Jahres werden bis zu 60 Jugendliche in Kiel volljährig. „Nach aktueller Regelung bedeutet dies, dass sie in Erstaufnahmeeinrichtungen anderer Städte umziehen müssten. Das würde unsere Integrationsansätze zunichte machen.“

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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