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Auf der Spur der Kolonialgeschichte

Hochschulen Auf der Spur der Kolonialgeschichte

Schleswig-Holstein profitierte viele Jahrhunderte als Teil der dänischen Monarchie von deren Kolonien. Flensburger und Kieler Forscher und Studierende sind im Rahmen eines Studienprojekts auf der schwierigen Suche nach Spuren dieses blutigen Erbes.

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Kerstin Möckel und Martin Krieger stöbern in alten Kästen und Archiven nach Fundstücken aus der Kolonialzeit.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel/Flensburg. Aus den Tropen kamen Tee und Tuchwaren in den Norden wie Zucker von den karibischen Jungferninseln. Schleswig-Holstein hat daher als einziges Bundesland eine jahrhundertelange Kolonialgeschichte, die auch durch Ausbeutung von Sklaven den Reichtum vieler Kaufleute begründete. Flensburger und Kieler Forscher und Studierende sind im Rahmen eines Studienprojekts auf der schwierigen Suche nach Spuren dieses blutigen Erbes.

 Den moralischen Zeigefinger will der Kieler CAU-Historiker Prof. Martin Krieger nicht erheben, aber durch Aufklärung „die Leute zum Nachdenken bringen“. Gab es schon damals Kritik an den Skaventransporten? Und wie können wir uns heute der historischen Verantwortung stellen? Krieger und Prof. Bea Lundt von der Uni Flensburg leiten das Forschungsvorhaben, dessen Anlass der 100. Jahrestag des Verkaufs der dänischen Karibik-Kolonien 1917 ist: Die Jungferninseln gehören heute den USA. Der Titel des Projekts „Koloniale Erinnerungsorte im Norden und globale Konsumenten-Verantwortung“ verrät bereits gewünschte Bezüge zur Gegenwart. Denn auch heute, kritisiert der Historiker, seien die Arbeitsbedingungen in manchen Länden, aus denen Deutschland Tee, Kleidung, Kakao oder Kaffee beziehe, „sehr problematisch“: Soziale Ausbeutung, unwürdige Arbeitsbedingungen oder Kinderarbeit seien auch viele Jahrzehnte nach Ende der Sklaverei in manchen Ländern an der Tagesordnung.

 Das studentische Projekt gibt den Startschuss, um mit Informationen und Ausstellungen zur Aufarbeitung beizutragen. Kerstin Möckel, wissenschaftliche Hilfskraft bei Krieger, sichtet Material aus Museen, Berichte, Fotos und Zeichnungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, um eine Datenbank aufzubauen. Derzeit sammelt die Studentin Informationen über die Familie von Heinrich Carl Schimmelmann, dem neben einer Waffenfabrik auch drei Zuckerplantagen mit etwa 1000 Sklaven gehörte. Ostindien, Ghana, Grönland und die Jungferninseln sind als ehemals dänische Kolonien damit auch Teil der Landesgeschichte Schleswig-Holsteins. Lange Zeit, hält Krieger fest, sei das Thema „allzu verklärt“ worden. So ließen Schleswig-Holsteins Adels- und Gutsfamilien ihre Gäste im 18./19. Jahrhundert gern von so genannten Kammermohren bedienen. Man sollte nicht vergessen, mahnt Krieger, dass Mitglieder des deutsch-dänischen Kreises wie die Familien Reventlow, Bernstorff und Schimmelmann „auch knallharte Geschäftsleute waren, die Sklaven hielten.“

 Angestoßen wurde das Projekt vom entwicklungspolitischen Landesnetzwerk „Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein“. Seine Ergebnisse sollen im Januar 2016 während einer Posterausstellung in der dänischen Zentralbibliothek in Flensburg und später auch an der Kieler Universität gezeigt werden. Dafür suchen beide Universitäten noch Zeugnisse aus der Kolonialzeit, die womöglich auf privaten Dachböden oder in Kellern lagern: Ob Fotoalben, Briefe, Kleidungsstücke, alte Rumflaschen oder Masken – die Forscher bitten die Bürger um solche Erinnerungsstücke: Kontakt bitte über Historisches Seminar Tel. 0431/ 880-5316

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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