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„Fachlich völlig inkompetent“

Angebliche Lehrerin gesteht „Fachlich völlig inkompetent“

Seit 1991 unterrichtete die falsche Lehrerin in vier Bundesländern, narrte bis August 2013 Hunderte von Schülern, Eltern und Kollegen – auch am Gymnasium der Eulenspiegel-Stadt Mölln und an der Thomas-Mann-Schule in Lübeck. Zum Auftakt ihres Prozesses um Betrug und Urkundenfälschung legte die 50-jährige Frau gestern vor dem Schöffengericht in Kiel ein Geständnis ab.

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Mit gefälschten Zeugnissen hatte sie sich als Lehrerin den Zugang zum Schuldienst erschlichen, jetzt gestand die ehemalige Beamtin in Kiel den Betrug.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. „Die Vorwürfe sind zutreffend“, räumt die stark übergewichtige, ganz in Schwarz gekleidete Angeklagte ein, nachdem Staatsanwalt Henrik Nietardt die Einzelheiten vorgetragen hat. Mit leiser, monotoner Stimme verliest sie hastig eine schriftliche Erklärung. Mehr geflüstert als gesprochen, immer wieder stockend. Die Menschen hinten im Zuschauerraum erhaschen nur Satzfetzen. Etwa vom Berufswunsch Lehrerin, den die Angeklagte seit der Grundschulzeit gehegt haben will. Der Gerichtssaal ist kein Klassenzimmer. Und sicher steht die Angeklagte, die sich morgen erstmals psychologisch begutachten lassen will, unter enormem Druck. Doch nach diesem Vortrag dürfte ihr kein Schulleiter dieser Welt eine Klasse überantworten. Tatsächlich zeigt sich bei den Zeugenvernehmungen: Trotz zahlreicher Beschwerden von Schülern, Eltern und Kollegen hatte keiner der drei geladenen Schulleiter auch nur für eine Unterrichtsstunde bei der Problemkollegin hospitiert.

Der Rektor der Lübecker Thomas-Mann-Schule, Karl Peter Flittiger (60), hat dafür die beste Erklärung: Die im Januar 2010 für sechs Monate an seine Schule abgeordnete Lehrkraft aus Wismar meldete sich schon nach drei Tagen krank. „Sie war nur noch sporadisch da, nach den Osterferien eigentlich gar nicht mehr.“ Da habe sich schlicht kein Termin für einen Unterrichtsbesuch gefunden. Auch so steht für den Lübecker Schulleiter fest: Die Angeklagte erfüllte nicht einmal elementarste dienstliche Pflichten. Schüler warteten wochenlang auf ihre Klausuren, von Elternseite häuften sich die Beschwerden. Doch Frau M., so der Zeuge, habe auf Nachfrage jegliche Probleme verneint und ihm über ihre Mutter per E-Mail ausrichten lassen, sie fühle sich gemobbt.

Auch für die Arbeit am Marion-Dönhoff-Gymnasium in Mölln, wo die Angeklagte von August 2008 bis Februar 2013 angestellt war, erteilen ihr die Vorgesetzten ein katastrophales Zeugnis. „Sie war die einzige Bewerberin, die die Anforderungen dem Anschein nach erfüllte“, begründet der damalige Schulleiter Horst Kienbaum (68) ihre reibungslose Einstellung.

Fünf Monate lang sei sie unauffällig gewesen, dann „ernsthaft erkrankt“. Irgendwann kamen keine ärztlichen Atteste mehr, so der pensionierte Zeuge. Schließlich sei Frau M. abgetaucht, habe weder auf Anrufe noch auf E-Mails reagiert. Schließlich leitete er ein Disziplinarverfahren ein.

Sein Nachfolger Thomas Eggers (50), seit Februar 2010 im Amt, brachte von Mölln aus die Ermittlungen am Bildungsministerium ins Rollen. Zunächst sei er der Kollegin „sehr offen und bewertungsfrei begegnet“, betont der Zeuge. Er habe auf Weiterbildung und frische Impulse durch „team teaching“ und kollegiale Kopplung gesetzt. Doch alle Motivierungsversuche seien ins Leere gelaufen: „Es gab nullkommanull Verbesserung.“

„Kaum vorstellbar“ seien die erheblichen Fehlzeiten, die dilettantischen Lehrpläne, die abenteuerlichen Ausflüchte der Kollegin, ihre „völlige fachliche Inkompetenz – inhaltlich und didaktisch“ gewesen. Die Frau stand zudem unter Verdacht, zur Vorbereitung von Unterricht und Klassenarbeiten bei den Kollegen abzukupfern. Ende 2012 richtete Eggers eine dringende Anfrage an die Schulaufsicht. Nun endlich flog der jahrzehntelange Schwindel auf.

Nach Aktenlage kann man den Schulleitern auch in Greifswald, Neuruppin, Berlin, Schwerin und der Aufsicht in den Bildungsministerien den Vorwurf kaum ersparen, die gefälschten Zeugnisse der Angeklagten nur oberflächlich geprüft zu haben. Schon ihr fiktiver Lebenslauf wies Unstimmigkeiten und Widersprüche auf.

So will die Frau Mitte der 80er Jahre gleichzeitig Abitur gemacht und als Krankenschwester gearbeitet haben. Und ihr erstes gefälschtes Staatsexamen von einer Universität in Nordrhein-Westfalen datiert vom Juli 1991 – so kurz nach der Wende, dass sie für ihre angeblichen Einsernoten kaum richtig studiert haben kann.

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