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Versteigerung: Ein Fahrrad für drei Euro

Ordnungsamt Versteigerung: Ein Fahrrad für drei Euro

Vom Fön bis zum Hinterteil eines Motorrollers – es ist schon verrückt, was sich alle sich so alles im Fundbüro der Stadt Kiel ansammelt. Am Sonnabend hieß es: Alles muss raus – und die Bürger kamen in Scharen. Die Profis unter den Schnäppchenjägern brachten sich Proviant und einen Stuhl mit.

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Bei den Fundstücken zu Beginn der Versteigerung gibt es auch eine Menge zu lachen – zum Beispiel, wenn Ronald Klöckner versucht einen Schwimmring und Zopfgummis an den Mann oder die Frau zu bringen.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Kurz vor acht ist die Stadt noch leergefegt. Nur in der Fabrikstraße herrscht reger Betrieb. Immer wieder verschwinden ganze Menschengruppen in der Toreinfahrt des Ordnungsamtes. Dort, wo sonst die Fahrzeuge der Mitarbeiter parken, stehen jetzt jede Menge Taschen, Rucksäcke, Tüten und 104 Fahrräder, werden befingert und begutachtet. Einige Besucher machen sich Notizen, ein Junge quengelt: „Ich will aber ein richtiges Rennrad.“ Um acht Uhr müssen dann alle Interessenten hinter das Absperrgitter. In der Hoheitszone sind jetzt nur noch: vier Möbelpacker der Firma Oskar Gerdsen, drei Mitarbeiterinnen vom Ordnungsamt und die drei, die von nun an alles im Blick haben müssen: Manfred Meißner, Ronald Klöckner und Uwe Bader arbeiten normalerweise in der Stadtkasse – an diesem Sonnabend schlüpfen sie abwechselnd in die Rolle des Auktionators. „Früher wurde ein professioneller Auktionator von der Stadt verpflichtet, aber das Geld wollte man sparen. Ich mache das jetzt schon seit 30 Jahren“, sagt Meißner und greift zum Hammer.

Ausstattung für "Gags"

500 Fundsachen sollen einen neuen Eigentümer finden. Dinge, die in Schwimmhallen, Bibliotheken oder Ämtern liegengelassen wurden, die auf der Straße, in Grünanlagen oder Papierkörben gefunden wurden. Die Outdoor-Jacke einer bekannten Markenfirma etwa geht für sieben Euro weg, eine nagelneue Bluse und Jacke für 20 Euro. Am häufigsten aber kommen Badesachen unter den Hammer. Schwimmnudeln, Badekleidung, Schwimmreifen – unglaublich, was alles in Schwimmhallen vergessen und nicht abgeholt wird. Kay Indorf ersteigert gleich eine Sammlung von 20 Schwimmbrillen. Ob er die alle braucht? „Nein, ich mag gar keine Schwimmbrille tragen“, sagt der junge Mann, „aber ich packe immer eine davon zu Geschenken – als Gag.“

Spontan und kreativ geht auch Tanja Schmich bei der Versteigerung vor. „Ich habe mir ein festes Limit gesetzt, lass mich aber auch gerne überraschen.“ Unter ihren neun Schnäppchen sind am Ende ein komplettes WMF-Topfset für 40 Euro, ein tadelloser Koffer für 20 Euro und diverse Überraschungstaschen. Meist sind es Rucksäcke und Taschen, die abgegeben wurden und dann für die Auktion mit anderen allerlei Nützlichem und Skurrilem aus dem Fundus gefüllt werden. Eine Tasche mit Badelatschen und einem Bundesgesetzbuch gefällig? Oder ein Rucksack mit Fön und Regenschirm? Für 17 Euro ist man dabei. Bei der Damenhandtasche kommt dann richtig Stimmung auf. „Eine Damenhandtasche mit Wildlederhandschuhen, einer Porzellanglocke und Mus“, kündigt Ronald Klöckner an. Gelächter. Das Mus entpuppt sich als Make-up...

Fahrräder im "ständigen Kreislauf"

„Da sind jedes Mal echte Perlen dabei. Man muss nur den richtigen Moment abpassen“, verrät eine alte Dame. Gut, die Hundeleine mit – wie der Auktionator bemerkt – etwas strengem Geruch gehört nicht zu den Trüffeln. Aber mit Sicherheit der Montblanc-Stift im Originaletui. Am Ende ergattert ihn Siw Dittrich. „Mein Vater hat mich schon als Kind mit hierher genommen. Das macht einfach viel Spaß“, sagt sie und wartet dann – wie so viele andere in der Halle – auf die Versteigerung der Fahrräder. „Fahrräder braucht man ja immer, weil die in Kiel so oft geklaut werden. Das ist ein ständiger Kreislauf.“

Vorher sind aber noch die Handys an der Reihe. Seit 2009 war die Versteigerung von Mobiltelefonen verboten. Jetzt ist sie wieder erlaubt, wenn zuvor alle Daten durch eine Fachfirma gelöscht werden. „Das ist passiert. Deshalb müssen wir auch für jedes Handy mindestens die Löschgebühr von 17,50 Euro verlangen“, erklärt Ronald Klöckner. Bis zu 60 Euro legen die Bieter für ein Smartphone hin. Und dann kommen endlich die Räder an die Reihe. Das ein oder andere geht für 3 Euro weg, aber auch 25,30 Euro werden gezahlt. Unterboten werden die Schnäppchen nur noch von dem halben Motorroller: Der wechselt für 50 Cent den Besitzer.

Bleibt die Frage: Warum werden so viele Räder nicht vom Fundbüro abgeholt? „Weil die oft erst nach vier, fünf Wochen bei uns landen“, sagt eine Mitarbeiterin der Stadt, „da hat die Versicherung aber längst gezahlt, und die Motivation, noch mal bei uns vorbeizukommen, ist weg.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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