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Die gute alte Platte lebt

Vinyl in Kiel Die gute alte Platte lebt

Sie dreht sich und dreht sich und dreht sich. Die altehrwürdige Schallplatte ist auch im Jahr 2016 nicht totzukriegen. Im Gegenteil: Obwohl Musik heutzutage dank Streaming-Diensten wie Spotify oder Napster überall und jederzeit verfügbar ist, wird die Lust der Konsumenten auf Vinyl stetig größer.

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Für Bastian Evers von Blitz Records gibt es zahlreiche Gründe, die für Schallplatten sprechen – beispielsweise das Haptische. „Es ist einfach ein besseres Gefühl, eine Platte aufzulegen, als im Computer herumzuklicken“, findet der 41-Jährige.

Quelle: Bastian Karkossa

Kiel. Genauer gesagt existieren beide Arten des Musikkonsums harmonisch nebeneinander. „Der Absatz von Vinyl wächst parallel zum Wachstum des Streamings. Es gibt für beides einen zunehmenden Bedarf“, erklärt Sigrid Herrenbrück. Die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Bundesverbands Musikindustrie sieht die seit Jahren wieder steigenden Absatzzahlen von Langspielplatten als „Teil des Entschleunigungsbedürfnisses des Menschen“ in einer immer schneller werdenden Welt. Zudem sei der Bedarf nach besonders wertigen Produkten hierzulande groß. „Deutschland ist ein starker physischer Markt“, so Herrenbrück. Der „Vinyl-Boom“ sei allerdings ein weltweites Phänomen.

 Auch in Kiel erfreuen sich Schallplatten nach wie vor großer Beliebtheit, wie Stefan Löck bestätigt. „Die Nachfrage nach Vinyl steigt“, erklärt der Geschäftsführer von Blitz Records , Hopfenstraße 71. Kein Wunder also, dass man bei ihm neben original verschweißten Klassikern insbesondere aktuelle Musik „auf Platte“ erwerben kann. Rund 30 Prozent seines Gesamtumsatzes komme durch den Verkauf von LPs zustande, schätzt der 53-Jährige.

 Für Mitarbeiter Bastian Evers liegen die Gründe, warum für zahlreiche Kunden die musikalische Welt weiterhin eine Scheibe ist, auf der Hand. „Es gibt viele Menschen, die sich mit Musikhören als Hobby beschäftigen“, erklärt Evers, „und die wollen das Haptische.“ Es sei einfach ein besseres Gefühl, eine Platte aufzulegen, als im Computer herumzuklicken. „Außerdem gönnt man sich auch mal etwas. Man kann ja nicht immer nur Schuhe und Pullover kaufen“, lacht der 41-Jährige, „man braucht auch mal was für die Seele.“ Hinzu komme der steigende materielle Wert von gut erhaltenen Schallplatten, den man mit Online-Portalen wie „discogs.de“ herausfinden könne. „Durch solche Internetseiten realisieren viele Leute, dass eine Platte auch eine Wertanlage sein kann“, so der Experte.

 Die Kieler müssen jedoch nicht das anonyme World Wide Web nutzen, um Vinyl zu kaufen. Im Herzen der Landeshauptstadt haben sich über die Jahre gleich mehrere Musikläden angesiedelt. Neu aufgelegte Alben findet man dabei nicht nur bei Blitz, sondern auch bei Speakers Corner , in der Hermann-Weigmann-Straße 10. Nur zwei Häuser weiter befindet sich der Musikshop, Hermann-Weigmann-Straße 2, in dem Andreas Nasner seit 1999 Tonträger verkauft. „Ich versuche jede Platte Probe zu hören“, legt der Inhaber Wert darauf, seinen Kunden hochwertige Second-Hand-Ware anzubieten. Auch junge Leute kaufen bei ihm ein. „Meine Kunden sind zwischen 18 und 75 Jahre alt“, erklärt der 49-Jährige. 80 Prozent davon seien Männer, schätzt Nasner, für den der Vinylgenuss trotz des „wärmeren Klangs“ nicht nur etwas für die Ohren ist: „Das Schöne ist, dass man sieht, was passiert, wenn man den Plattenspieler bedient.“

 Eine relativ neue Nadel auf dem Kieler Plattenkompass ist der Vinyl Salon , Metzstraße 38. Dennis Oelze und Christof Rüsch eröffneten den Laden vor knapp eineinhalb Jahren. „Aus Passion“, wie Oelze sagt. Seitdem können Fans des organischen Sounds, wie Oelze den besonderen Vinylklang beschreibt, knapp 8000 Exemplare durchstöbern.

 Auch Andreas und Sabine Zwanck trauten sich und eröffneten im November 2015 den Heimathafen im Schülperbaum 2, der nicht wie ein klassischer Plattenladen daherkommt. In erster Linie vertreibt das Paar Craft-Bier und Wein. „Wir kaufen und hören selber gerne Platten“, erklärt Andreas Zwanck, weshalb einige Regale mit Second-Hand-Platten das Angebot komplettieren. „Das wird von den Kunden gut angenommen“, ergänzt Ehefrau Sabine, die zudem Upcycling betreibt, indem sie aus alten LPs Uhren, Schalen und Aschenbecher kreiert.

 Das Gegenstück zum Heimathafen ist das Aftermath , der Oldie unter Kiels Plattenläden. Seit 1980 betreibt Burkhard Sawallisch sein uriges Geschäft in der Scharnhorststraße. Schöne Cover und ein guter Sound seien das Besondere an Schallplatten, erklärt der Bluesfan, während er ein Album der englischen Band The Kinks in den Händen hält. Und in diesem Moment schließt sich der Kreis. Denn die Tatsache, dass jene Platte aus dem Jahre 1966 auch ein halbes Jahrhundert später noch für Faszination sorgt, zeigt: Vinyl lebt.

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