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Polizei: Es gab keine Jagdszenen

Sophienhof Polizei: Es gab keine Jagdszenen

Mädchen, die im Sophienhof von einem Mob Männer „mit Migrationshintergrund“ bedrängt, gefilmt und gejagt werden – dieser angebliche Zwischenfall brachte Kiel im Februar in die Schlagzeilen, gestützt auf offizielle Aussagen der Polizei. Nun stellen sich die tatsächlichen Ereignisse weit weniger dramatisch dar.

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Der Sophienhof geriet bundesweit in die Schlagzeilen.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. „Unterm Strich bleibt es dabei, dass sich drei junge Mädchen durch zwei junge Männer, bei denen es sich um Bewohner einer Asylbewerberunterkunft in Kiel handelt, belästigt gefühlt haben“, sagt Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Die Zeuginnen hätten Angst gehabt, seien zwischenzeitlich sogar aus der „für sie beklemmenden Situation“ geflohen, als drei weitere Männer zu ihnen an den Tisch gekommen seien. Die Polizei hatte zunächst von bis zu 30 Männern gesprochen, die die Mädchen verfolgt hätten. Der öffentliche Aufschrei war immens: Innenminister Stefan Studt (SPD) hatte sogar kurzfristig seinen Besuch an der Absturzstelle eines Bundespolizei-Hubschraubers in Boostedt abgesagt, um sich über die Ereignisse in Kiel zu informieren.

 Wie die Polizei mittlerweile selbst einräumt, hat es die Jagdszenen im Einkaufszentrum nicht gegeben. Tatsächlich waren es offenkundig lediglich Augenzeugen gewesen, die den Einsatz der Polizei verfolgten, als diese von Sicherheitsleuten und Passanten gerufen worden war. „Ein Ermittlungsverfahren lebt davon, dass es täglich neue Erkenntnisse gibt“, sagt Joachim Gutt, stellvertretender Landespolizeidirektor. Tatsächlich hätte sich der Vorfall zunächst anders dargestellt – das gelte auch für die angeblichen Handyvideos, die die Verdächtigen gemacht haben sollen. „Die jungen Frauen haben gesagt, dass sie gegen ihren Willen fotografiert worden sind, das haben wir ernst genommen“, sagt Gutt. Als er Anfang März vor dem Innen- und Rechtsausschuss des Landtages Rede und Antwort stand, „waren nach meinem damaligen Kenntnisstand auch Fotos der Opfer auf den beschlagnahmten Handys drauf“.

 Tatsächlich hatten die Ermittler auf den Smartphones mehr als 40000 Fotos gefunden, von denen einige „eine gewisse Ähnlichkeit mit zwei der Mädchen aufgewiesen hatten“, so Oberstaatsanwalt Bieler. Doch letztlich bestätigte sich der Verdacht nicht, der Vize-Polizei-Chef muss zurückrudern: „Ich muss mir den Vorwurf gefallen lassen, dass ich damals nicht gesagt habe, dass wir es noch nicht genau sagen können.“ Er spricht von „bedauerlichen Fehlern“.

 Eine „erschreckende Pannenserie“ der Ermittler bemängelt unterdessen der FDP-Innenpolitiker Ekkehard Klug. „Hoffentlich läuft das nicht noch weiter nach dem Motto „Fortsetzung folgt“. Dass im Laufe der Ermittlungen neue Erkenntnisse zum Tatgeschehen auftauchen, findet der CDU-Innenpolitiker Axel Bernstein nicht ungewöhnlich. Sein Grünen-Kollege Burkhard Peters betont dagegen: „Die neuen Erkenntnisse zu den Vorfällen im Sophienhof zeigen einmal mehr, dass wir uns nicht von Hektik leiten lassen sollten.“

"Lage neu bewerten"

 Der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb geht mit der Informationspolitik der Polizei hart ins Gericht: „Damit hat sie mit dem rechtsstaatlichen Grundsatz gebrochen, dass erst der Richter die tatsächliche Schuld feststellt und nicht die Polizei, die stets belastende und entlastende Fakten gleichfalls ermitteln muss.“

 Im Sophienhof waren nach dem Vorfall die Sicherheitsmaßnahmen deutlich verschärft und zusätzliches Security-Personal eingesetzt worden. „Jetzt müssen wir die Lage neu bewerten“, sagt ein Unternehmenssprecher am Dienstag. Trotz bundesweiter negativer Schlagzeilen hätten die Unternehmen zumindest aber keine finanziellen Einbußen gehabt.

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Staatsanwaltschaft
Foto: Zwei junge Männer im Alter von 17 Jahren sollen im Februar drei Mädchen im Kieler Einkaufszentrum Sophienhof verfolgt, belästigt und fotografiert haben. Doch auf den Handys fand die Staatsanwaltschaft keine Fotos.

Über einen Monat liegt die Belästigung im Kieler Sophienhof zurück - nun gibt es neue Erkenntnisse zu den Handybildern: Nach Informationen der Kieler Nachrichten wurden keine Fotos oder Videos der bedrängten Mädchen auf den Handys der Tatverdächtigen gefunden. Dies bestätigte die Kieler Staatsanwaltschaft.

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