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Das Recht auf einen würdigen Abschied

Vorschlag im Rathaus Das Recht auf einen würdigen Abschied

Immer häufiger sterben in Kiel Menschen, und es ist niemand da, der sich um ihre Beerdigung kümmert. Dann bleibt nur die anonyme Bestattung irgendwo auf der Rasenfläche des Friedhofs. Ohne letztes Geleit. Ohne Trauerfeier. Ohne Stein. Ohne Spur.

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Immer öfter bleibt nur die anonyme Bestattung, wenn Verstorbene keine Angehörigen mehr haben. 169-mal wurden Menschen 2015 in Kiel so unter die Erde gebracht.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Jeder aber hat das Recht auf einen würdigen letzten Weg“, findet Benjamin Raschke von der SPD-Ratsfraktion und schlägt eine Gedenkfeier und einen Gedenkort für diese Verstorbenen vor. Eine Initiative, die bei einem Fachgespräch im Rathaus einhellige Zustimmung fand.

In Kiel ist es 2015 fast jeden zweiten Tag geschehen. Für Pfarrer Peter Otto ist es eine stetig wiederkehrende Katastrophe, wenn Menschen niemanden haben, den sie bitten können: „Wenn ich sterbe, sorge bitte für meine Beerdigung.“ Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Oft sind es Vereinsamung und Vereinzelung, erklärt Propst Thomas Lienau-Becker. Viele Menschen leben allein. Und auch wenn es Kinder gibt, wohnen sie oft entfernt. Bei einem Todesfall muss dann die Stadt nach jenen Angehörigen suchen, die nach dem Gesetz für eine Bestattung sorgen müssen (siehe untenstehender Artikel).

Nach dem Bestattungsgesetz sollen Erdbestattung oder Einäscherung in der Regel innerhalb von neun Tagen erfolgen. „Die Frist ist sehr kurz, und oft sind die Angehörigen, die zur Bestattung verpflichtet sind, nicht rechtzeitig ausfindig zu machen“, sagt Astrid Witte, Leiterin des Amts für Familie und Soziales. Immer häufiger aber verweigern sich die Angehörigen auch – häufig aus finanziellen Gründen. Dabei gibt es in diesem Fall meist eine Lösung: Denn wenn ein Erbberechtigter nachweislich bedürftig oder verschuldet ist, kann er einen Antrag beim Sozialamt stellen, damit die Kosten für eine einfache Bestattung ganz oder anteilig übernommen werden. „285 Anträge hatten wir 2015. In 57 Fällen davon haben wir das Geld von anderen verpflichteten Angehörigen später zurückerhalten“, sagt Astrid Witte.

169 Mal im Jahr 2015 in Kiel

Doch immer häufiger stellen Angehörige nicht einmal solch einen Antrag. Sie verweigern jede Aktivität. Dann fallen Äußerungen über den Verstorbenen wie: „Mit dem habe ich doch seit Jahren kein Wort mehr geredet.“ Oder: „Das ist mir egal, was mit ihm passiert.“ Wie bei Verstorbenen ohne Angehörige gibt es dann eine ordnungsrechtliche, anonyme Schlicht-Bestattung, und das Ordnungsamt versucht, die Kosten später zurückzubekommen. 169-mal wurden Menschen 2015 in Kiel so unter die Erde gebracht. Oft erfahren dann selbst Nachbarn, Freunde, Pflegekräfte nicht, wann die Urne vergraben worden ist.

Das reicht uns nicht, befand man schon vor Jahren bei der Evangelischen Stadtmission, Hempels und dem Mittagstisch Manna in der Schaßstraße. Seit 2008 werden Wohnungs- und Obdachlose auf ihrem letzten Weg zu einer Urnenbegräbnisstätte auf dem Südfriedhof würdig begleitet und der Name dort eingraviert. Auch die evangelischen Kirchengemeinden lassen sich inzwischen von der Stadtverwaltung über ordnungsrechtliche Bestattungen informieren. Pastoren sorgen dann für Geleit auf den Friedhof, Gebet und Segen am Grab. „Auch die katholische Kirche würde das gerne so handhaben, wird bisher aber nicht über solch ordnungsrechtliche Bestattungen informiert“, erklärt Marco Chwalek, Pressesprecher beim Erzbistum Hamburg.

Änderung des Bestattungsrechts?

„Aber was ist mit all jenen, die anderen Religionen angehören oder gar keiner? Auch diese Menschen haben ein Recht auf einen würdigen letzten Weg“, fordert SPD-Ratsherr Michael Schmalz. Die SPD will daher im Rat beantragen, dass die Verwaltung Vorschläge erarbeitet: für regelmäßig stattfindende Gedenkfeiern für einen oder mehrere Gedenkorte, an denen um die ordnungsrechtlich bestatteten Menschen getrauert werden kann. Justina Maiworm vom Hospiz Kieler Förde fordert darüber hinaus eine Änderung des Bestattungsrechts: Auch Menschen, die nicht erbberechtigt, aber den Verstorbenen eng verbunden waren, müssten beim Sozialamt eine individuell gestaltete Beerdigung beantragen und so die anonyme Bestattung verhindern können.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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