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Schreckensszenario für Kiel

Vortrag von Prof. Schellnhuber Schreckensszenario für Kiel

Bei einem Abschmelzen der Ost-Antarktis würde Kiel nicht mehr existieren: Dies prognostizierte Prof. Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor (1991) des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), bei seinem Vortrag am Audimax der CAU Kiel. 

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„Soll so das Paradies aussehen?“ fragte gestern Hans Joachim Schellnhuber in seinem Vortrag über das „Menschheitserbe Meer“, zu dem er ähnliche Bilder zeigte. Die zunehmende Vermüllung der Ozeane, zusätzlich zu ihrer fortschreitenden Versauerung, „hatten die internationalen Forscher lange nicht auf dem Schirm“.

Quelle: Cornelia Müller

Kiel. Es war ein Vortrag für die Menschheit, und immerhin 250 Vertreter waren in das Audimax der CAU gekommen, um Prof. Hans Joachim Schellnhuber zu hören: Gründungsdirektor (1991) des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Berater der Bundesregierung und Mitglied in der Pontifikalen Wissenschaftsakademie des Papstes, deren 80 Mitglieder auf Lebenszeit bestimmt werden „und nicht Katholiken sein müssen“, wie Schellnhuber betonte. Am 18. Juni hatte er, „zusammen mit einem Kardinal und einem Patriarchen die Ehre, die Enzyklika Laudato Si zu präsentieren“. Die weltweit beachtete Positionierung des Vatikans, „wo früher Zweifel am menschlichen Einfluss auf das globale Klima geschürt wurden“, habe sich völlig verändert.

 Er freue sich sehr, in Kiel, wo „Meeresforschung auf höchstem Niveau betrieben“ werde, zu sprechen. Dann folgte eine Stunde höchster Informationsdichte, vieler Grafiken und reibungslos funktionierender Animationen, unter denen „Die Kohlenstoff-Story der menschlichen Zivilisation“ den stärksten Eindruck hinterließ. Mit ihr wurde, auf Basis von Millionen Daten, gezeigt, wie, beginnend um 1770 in der nordwestenglischen Grafschaft Lancashire, die industrielle Revolution der Menschheit und dem Globus Segen und Fluch bringt. „Die große Beschleunigung“ nannte Schellnhuber den Schub, der mit der Entdeckung billigen Nahost-Öls ab 1950 einsetzte. „Ab 1990 erscheint ein neuer Star: China. Und holt in nur zwei Jahrzehnten nach, was Europa in zwei Jahrhunderten getan hat.“ Die industrielle Revolution sei nicht zu Ende, betonte der Klimaforscher, „sondern kriecht gerade in die entlegenen Regionen der Erde."

93,4 Prozent der globalen Erwärmung lande im Ozean, „und wir sind uns sicher: 2015 wird das wärmste Jahr aller Zeiten.“ Der „worst case, der größte Betriebsunfall des Menschen im Klimasystem Erde“, wäre das Abschmelzen des Eisschildes der Ost-Antarktis, „wenn wir alle fossilen Brennstoffe weiter so nutzen, wie wir es bisher tun: Das wäre betriebswirtschaftlich das optimale Szenario, volkswirtschaftlich wäre es verheerend.“ Kiel würde dann nicht mehr existieren. Chuck Hagel, US-Verteidigungsminister bis Februar, habe ihm gesagt, das Pentagon nehme Prognosen wie diejenige, das das Nordpolarmeer bis 2040 im Sommer eisfrei sein werde, total ernst. „Weil einer, der für Hunderttausende von Menschen und milliardenteures Gerät verantwortlich ist, nicht spielt.“

 Die nächste Klimakonferenz im Dezember in Paris sieht Schellnhuber mit vorsichtigem Optimismus. Lange habe es in der Meerespolitik nur einen kleinen Erfolg gegeben: die auf Elisabeth Mann Borgese zurückgehende Seerechtskonvention. „Unser Vorschlag lautet: Die hohe See über diesem von der Seerechtsbehörde beaufsichtigten Meeresboden müsste ebenfalls geschützt werden. Und: Die festlandnäheren, exklusiven ökonomischen Zonen müssten Regeln der Nachhaltigkeit unterworfen werden.“

 Ein wichtiger Schritt sei es, die Vermüllung der Ozeane zu stoppen. „Jedes Plastik, das nicht in zehn bis 20 Jahren auf natürlichem Wege abbaubar ist, gehört verboten. Es hat in unserer Volkswirtschaft genauso wenig zu suchen wie Blei, DDT und Dioxin. Fertig, aus.“

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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