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„Das war ein ganz schwerer Fehler“

Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft „Das war ein ganz schwerer Fehler“

Warum kam der mutmaßliche Täter nach der Vergewaltigung einer Fünfjährigen trotz seiner Festnahme nicht sofort hinter Gitter – und konnte so ein weiteres Mädchen missbrauchen? Über diese Frage ist ein offener Streit zwischen der Kieler Kriminalpsychologin Prof. Monika Frommel und der Staatsanwaltschaft ausgebrochen.

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Strafrechtsexpertin Monika Frommel: „So einen Bären kann man mir nicht aufbinden.“

Quelle: Ulrich Perrey

Kiel. Die Strafrechtsexpertin erhebt schwere Vorwürfe: „Wenn ein fremder Mann eine Fünfjährige attackiert, ist er gefährlich. Da braucht man kein Gutachten abzuwarten. Man kann ihn nicht laufen lassen.“ Die Wiederholungsgefahr habe „auf der Hand gelegen“ und somit auch ein klarer Haftgrund nach §112a der Strafprozessordnung. Für die 69-Jährige ist der Fall klar: „Das war ein ganz schwerer Fehler. So ein Fall darf nicht durchrutschen, es war ein ganz seltener und außergewöhnlicher Fall. Da müssen alle Alarmglocken angehen.“ Wenn sie lese, dass die Aussagen des Kindes widersprüchlich gewesen sein sollen, sei das nicht zu glauben. „Eine Fünfjährige unter dem Schock einer solchen Erfahrung wird mit Sicherheit keinen Unsinn erzählen. So einen Bären kann man mir nicht aufbinden.“

 Und Frommel legt nach: Wenn schon keine Haft in Frage gekommen wäre, so hätte es genug juristische Möglichkeiten gegeben, den Mann zumindest vorläufig unterzubringen, etwa in der Präventionsambulanz des Uniklinikums Eppendorf. Die Gefahr, die in einem solchen Fall vorgelegen habe, sei nicht zu tragen gewesen.

 Der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler will davon nichts wissen: „Vielleicht hätte Frau Frommel einmal den Paragraphen und die entsprechenden Kommentare dazu lesen sollen, dann hätte auch ihr klar sein müssen, dass für einen Haftbefehl nach der ersten Tat besondere Umstände notwendig gewesen wären, die es allerdings nicht gab.“ Bieler beharrt darauf, dass der 30-Jährige vor der ersten Tat weder durch Sexualdelikte auffällig geworden sei, noch habe es Hinweise auf Gewalttätigkeit gegeben: „Es gab eine Vorverurteilung wegen Diebstahls, nur reicht das in keinster Weise aus.“ Trotz des schweren sexuellen Missbrauchs der Fünfjährigen seien die Ermittler nicht von einer pädophilen Neigung ausgegangen: „Auch aus dem privaten Umfeld gab es keinerlei Indizien, die darauf hätten schließen lassen.“

Kita-Mitarbeiter hätten ihn „als liebevollen Vater“ beschrieben. Auch seine psychische Erkrankung sei zur Bewertung des Falls unerheblich gewesen: „Nachdem die Polizei in den Tagen nach dem 6. Januar Kenntnis davon bekommen haben, sind Gespräche mit der ehemaligen Partnerin und der Mutter der zwei gemeinsamen Kinder geführt worden, die den Vater ebenfalls als liebevoll beschrieb – als Vater, der seinen Söhnen zu wenig Grenzen aufzeigen würde und keinen Wunsch abschlagen könne.“ Die Ermittler seien zunächst von „einer nicht erklärbaren Einzeltat“ ausgegangen.

Von Oliver Hamel und Bastian Modrow

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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