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„Die Welt ist nicht so schlecht“

Walz beendet „Die Welt ist nicht so schlecht“

„Willst du es wirklich?“, rufen die Wanderkameraden, die Simon Hevicke auf den letzten Kilometern seiner Walz begleitet haben. Entschlossen lässt der 27-Jährige sich auf das Ortsschild in Rönne helfen, auf dem er vor drei Jahren, einem Monat und 26 Tagen schon einmal saß. Jetzt ist er zurück von der Walz.

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Keine Rückkehr ohne Klettern. Vom Ortsschild sprang der Schmied in die Arme seiner Familie.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Von oben blickt er auf Familie und Freunde. „Ist das schön, euch zu sehen!“, ruft er und staunt. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele kommen!“ Viele der mehr als 50 Menschen hat er seit mehr als drei Jahren nicht gesehen. Auch die achtköpfige Familie Hevicke ist erstmals seit seinem Aufbruch wieder komplett versammelt. „Tu’s nicht!“, rufen die Kameraden, aber Simon springt auf Kieler Seite des Schildes herunter, die Familie fängt ihn auf.

 Es ist eines von vielen Ritualen und Bräuchen, die für Handwerksgesellen zur Walz gehören. Unter 30, ledig, kinderlos und schuldenfrei muss sein, wer nach bestandener Gesellenprüfung in die Welt hinausziehen will. Auch während der „Tippelei“ gelten zahlreiche Regeln. Während der Wanderschaft durfte Hevicke als Fremdgeschriebener einen Bannkreis von 50 Kilometern um seine Heimatstadt nicht betreten, musste mindestens sechs verschiedene Arbeitgeber finden. Verpönt ist es zudem, eigenes Geld für Fortbewegung und Essen auszugeben. Zu Fuß oder per Anhalter bereiste der Kieler deshalb alle Bundesländer. Ohne festgelegte Route, bis in die Schweiz. Ein Stipendium ermöglichte ihm den Flug nach Südamerika. „In Chile habe ich das Fürchten gelernt“, erinnert er sich. „Ich war alleine auf einem Berg, als ein Kondor auf mich zuflog.“

Eindrucksvoll in Erinnerung

Die Begegnung mit dem Greifvogel blieb eindrucksvoll in Erinnerung – ebenso wie viele andere. „Beim Trampen trifft man ganz unterschiedliche Menschen. Einer hatte gerade seinen Job verloren, wusste nicht, wie es weiter geht. Dann fährt man mit einem Bank-Chef, der einem für zwei Nächte ein Hotel bezahlt“, erzählt er. An anderen Tagen habe er auf einem Hof geschuftet, um in der Scheune schlafen zu dürfen. Positiv überrascht sei er von der Offenheit vieler Menschen gewesen. „Die Welt ist nicht so schlecht, wie man auf den ersten Blick denkt“, sagt er, der nach dem obligatorischen Ortsschild-Klettern noch ein letztes Ritual ausführen muss: Die Schnapsflasche, die er bei seinem Aufbruch vergraben hatte, muss wieder zutage gefördert werden. Nun zeigt sich, wie lang drei Jahre sind. Trotz der Fotos, die Vater Martin Hevicke mitgebracht hat, gräbt Simon lange, ehe er die Flasche in 80 Zentimetern Tiefe findet. Ein Triumphschrei, ein tiefer Schluck, dann macht die Flasche die Runde. Auch die Deutschlandkarte, die Simon vor der Walz gezeichnet hatte, wird noch einmal ausgebreitet. Der Schmied hat nicht nur handwerklich, sondern auch in Sachen Geografie dazugelernt. „Bremen und Düsseldorf kann man tauschen“, stellt er lachend fest.

 Ja, er sei froh, die Kluft nun ablegen zu dürfen. Und nein, er habe nicht das Gefühl, Freiheit aufzugeben. „Die Freiheit auf der Walz hat ihren Preis“, sagt er. „Ich freue mich darauf, wieder etwas mit meinen Freunden zu unternehmen, Sport und Musik machen zu können.“ Nur die Unabhängigkeit werde er vielleicht vermissen. Fest steht: „Ich würde es wieder machen. Reisen bildet und formt. Es hat mich zu dem gemacht, der ich jetzt bin – und ich bin total zufrieden.“ Auch handwerklich habe er viel gelernt. In der Schweiz schloss sich ein Kreis. „Als Mittelalter-Fan wollte ich schon immer ein Schwert schmieden. Das habe ich dort gemacht.“

 Das nächste Vierteljahr wird er in einer Messerschmiede arbeiten. Anschließend hofft Hevicke, dass er im Betrieb seines Meisters in Dänischenhagen übernommen wird. Doch vorher wird im Elternhaus in Elmschenhagen groß gefeiert. Wie er dorthin kommt, darüber muss er sich erstmals seit Jahren keine Gedanken machen. Hut und Stenz sind abgelegt, wandern muss er nicht mehr.

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