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700 Jahre – und nur einer hat’s gemerkt

Kieler Stadtteil Wellingdorf 700 Jahre – und nur einer hat’s gemerkt

Im Jahr 1315 – also vor genau 700 Jahren – wurde Wellingdorf erstmals urkundlich erwähnt. Das sollte Anlass zum Feiern sein. Doch das große Jubiläum ging einfach unter, weil nur einem das Datum zu Beginn dieses Jahres aufgefallen war, nämlich dem ehemaligen Wellingdorfer Pastor Gottfried Christopher Hesse.

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Das alte Wellingdorf: Das Schulgelände des heutigen Gymnasiums war einst der Hof von Bauer Langmaak. Das Hofgebäude brannte 1904 ab.

Quelle: Volker Rebehn

Wellingdorf. Die „Denkmaltopographie der Landeshauptstadt Kiel“ bestätigt: „1315 wird Wellingdorf erstmalig genannt.“ Damals habe der Kieler Burgmann Conrad von Bremen das Dorf zusammen mit einem als „Brook“ bezeichneten Waldgelände an das Heiligengeistkloster in Kiel verkauft. Aus dem Jahr 1649 wird überliefert, dass das Dorf „acht Hufen sowie zwei Groß- und zehn Kleinkaten besaß“. 1841 wurden in Wellingdorf 366 Einwohner gezählt. Mit der Ansiedlung der Schiffswerft Stocks und Kolbe um das Jahr 1900 und der Umsiedlung der Ellerbeker Fischer nach Wellingdorf im Jahr 1904 veränderte sich die Gemeinde: 1907 war die Einwohnerzahl schon auf rund 4000 gestiegen. 1910 folgte die Eingemeindung nach Kiel – zusammen mit Ellerbek, Gaarden-Süd, Hassee und Hasseldieksdamm. Heute leben im Stadtteil auf der Südseite der Schwentinemündung knapp 8000 Einwohner. Besondere Bedeutung für die Region hat die Ansiedlung des Seefischmarktes, der 1948 gegründet wurde und mit fünf Beschäftigten die Arbeit aufnahm. 1960 hatten schon 4000 Menschen auf dem Kieler Seefischmarkt eine Anstellung im Bereich Fischfang und -verarbeitung. Auch die Ansiedlung des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, das in den kommenden Jahren deutlich erweitert wird, gab dem Stadtteil neue Impulse und förderte die Entwicklung des Areals vom Umschlagplatz für Fisch zum modernen Gewerbegebiet mit Forschung, Firmen, Flaniermeile und Kultur.

Da Hesse inzwischen im Ruhestand ist und nicht mehr in Kiel wohnt, wollte er auf keinen Fall die großen Jubiläumsfeiern zum 700. Geburtstag verpassen. „Ich rief beim Kulturamt an und sagte, ich hätte gern eine Einladung zur Festwoche.“ Festwoche? Im Amt war man ratlos, von einem Jubiläum war nichts bekannt. Hesse erkundigte sich im Stadtteilbüro Kiel-Ost und beim Ortsbeiratsvorsitzenden, aber niemandem sei das besondere Datum aufgefallen, hieß es. Das Vorbereitungsteam vom Stadtteilfest hatte so viel zu organisieren, dass man sich nicht in der Lage sah, den Stadtteilgeburtstag zu berücksichtigen. Von Michael Reiter im Amt für Kultur und Weiterbildung erhielt Hesse am 20. August ein freundliches Schreiben: „Nach unserer Kenntnis ist Ihre Anregung im Vorbereitungskreis des diesjährigen Stadtteilfestes erwogen, aber bewusst nicht weiter verfolgt worden.“ Das Amt habe die Möglichkeit, kulturelle Veranstaltungen zu fördern, aber bislang sei kein Antrag auf Förderung eingegangen. Also feierte Wellingdorf Anfang September zwar eine große, fröhliche Party an der Wasserkante, aber die historische Entwicklung und der runde Geburtstag spielten dabei keine Rolle. Beim Stadtteilfest sprach Hesse dann auch den etwas ratlos reagierenden Oberbürgermeister Ulf Kämpfer an: „700 Jahre Wellingdorf, da haben Sie etwas versäumt.“

Bei Pastorin Margret Laudan stieß Hesse dagegen auf große Resonanz. „Der Impuls war da, ich habe ihn aufgenommen“, sagte sie und machte den 700. Geburtstag des Stadtteils zum Thema der Festpredigt. Unter dem biblischen Motto „Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende“ erinnerte die Pastorin auch im Gemeindebrief an das Dorf mit Bauern und Handwerkern. Zwischen 1327 und 1896 war der Weg zur Kirche weit, denn die Wellingdorfer besuchten die Gottesdienste in Elmschenhagen. Am 16. August 1896 wurde dann in der Friedenstraße eine Kirche für Ellerbek und Wellingdorf gebaut, die jedoch für Erweiterungspläne des Marinearsenals 1941 abgerissen wurde. Man traf sich dann in einem Haus in der Wahlestraße 25, das aber kurze Zeit später im Krieg zerstört wurde, sowie im gemieteten Pastorat, Wehdenweg 65. Nach dem Krieg feierte die Gemeinde die Gottesdienste in einer gespendeten Holzkirche in der Schönberger Straße 44 (heute Parkplatz des Supermarktes, Am Seefischmarkt 14), bis 1961 die neue Bugenhagenkirche in Ellerbek und 1965 die Andreaskirche in Wellingdorf eingeweiht wurden. Hobbyhistoriker Jochen Erb, der mittlerweile 14000 historische Fotos und Ansichten von Ellerbek, Wellingdorf und Neumühlen gesammelt hat, erläuterte auf einer Veranstaltung der Kirchengemeinde die Dorfgeschichte mit Bildern. „Das war hier schon zu Kaisers Zeiten eine reizende Ecke“, weiß Erb, viele Ausflügler aus Kiel hätten ihre Freizeit an der Schwentine verbracht. „Ich hatte auch eine Ausstellung vorbereitet“, betont der Wellingdorfer, aber dazu sei kein passender Raum gefunden worden.

Damit die Geschichte nicht vergessen wird, kam aus der Bevölkerung die Idee, zum 700. Geburtstag einen aus privaten Spenden finanzierten Gedenkstein im Wellingdorfer Zentrum aufzustellen. Der Ortsbeirat hatte keine Einwände und einigte sich nun in der Novembersitzung darauf, das Tiefbauamt dafür um Erlaubnis zu bitten. Das Geld für Öffentlichkeitsarbeit des Gremiums, so ein einstimmiger Beschluss, soll verwendet werden, um in der Dezembersitzung ehrenamtlich Aktive aus dem Stadtteil einzuladen. Zur Feier des Tages soll es dann ein Referat zur Stadtteilgeschichte geben. So wird das Jubiläum dann doch noch ein ganz, ganz kleines bisschen gefeiert.

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