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Kastanie der Stadt krachte auf Zaun

Wer zahlt die Reparatur? Kastanie der Stadt krachte auf Zaun

Es war am 5. Januar, als ein lauter Knall Gudrun Kaiser an das Fenster stürzen ließ. Der Ausblick passte zum Geräusch: Quer über den Stadtparkweg am Projensdorfer Gehölz war eine Kastanie gestürzt, hatte dabei auch den Zaun ihres Grundstücks erwischt und dessen Geländer verbogen.

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Dass die Wurzeln der umgestürzten Kastanie nicht mehr in guter Verfassung gewesen sein können, erschließt sich auch dem ungeübten Auge. Gudrun Kaiser kam der Baum bereits bei der Überprüfung verdächtig vor.

Quelle: "Oliver Stenzel, ost"

Projensdorf. „Von Polizei und Feuerwehr wurde mir geraten, mich mit der Rechnung für die Reparatur direkt an die Stadt zu wenden“, erinnert sich die Inhaberin des Unternehmens Kaiser Sanitär- und Heizungstechnik, das seit Mitte der 70er-Jahre im Stadtparkweg 12 residiert.

 Dass der am 9. Januar eingereichte Kostenvoranschlag so lange in der städtischen Warteschleife verbleib, irritierte die Geschäftsfrau noch nicht so sehr wie die Antwort, die Mitte Februar eintraf: Eine Haftung der Landeshauptstadt käme nur im Falle einer schuldhaften Verletzung der Sicherheitspflicht in Betracht, hieß es in dem Schreiben. Da bei der letzten Begutachtung des Baums Ende September 2016 keine Anzeichen von Wurzelfäule entdeckt worden seien, sei dies nicht der Fall.

 Die Reste der umgestürzten Kastanie liegen immer noch im Gehölz. Dass ihre Wurzeln nicht mehr in guter Verfassung gewesen sein können, erschließt sich nun auch dem ungeübten Auge. Doch wie hätte man dies erkennen können, als der Baum noch stand? Gudrun Kaiser war im September dabei, als er begutachtet wurde. Sie habe den städtischen Experten noch gefragt, ob er denn Röntgenaugen habe, erinnert sie sich. Dieser habe verneint, die Kastanie aber trotzdem für unbedenklich erklärt. „Wie kann das sein?“, fragt sich Kaiser nicht nur im Hinblick auf den finanziellen Schaden. „Hier steht alles voller maroder Bäume. Und wenn die Stadt deren Zustand immer so nachlässig prüft, ist der nächste Sturz doch schon vorprogrammiert.“ Am Tage fahre ein schwerer Tanklaster nach dem anderen durch den Stadtparkweg – beste Voraussetzungen, um einen maroden Stamm ins Wanken zu bringen.

 Auf Nachfrage erläutert die Stadt Kiel noch einmal ihr Vorgehen: „In regelmäßigen Abständen nehmen ausgebildete Fachkräfte des Grünflächenamtes die städtischen Bäume hinsichtlich ihrer Verkehrssicherheit in Augenschein“, heißt es. „Hierbei werden die Krone und der Stamm auf Bruchsicherheit, der Stammfuß und das Baumumfeld auf Standsicherheit überprüft. Sind sogenannte Defektsymptome erkennbar, so werden Maßnahmen zur Wiederherstellung der Verkehrssicherheit empfohlen.“

 Wie bei einer solchen Überprüfung ein unsichtbarer Wurzelschaden ausgeschlossen werden kann? „In den allermeisten Fällen fällt eine Wurzelerkrankung bei einer Baumkontrolle auf, da Fruchtkörper von holzzerstörenden Pilzen rechtzeitig vor einem Schadenfall am Wurzelhals sichtbar werden. Da die städtischen Baumkontrolleure gut ausgebildet sind, werden diese Fruchtkörper auch rechtzeitig erkannt“, erläutert das Grünflächenamt.

 Der letzte Fall, bei dem ein Straßenbaum in Kiel wegen eines verrotteten Wurzelhalses ohne erkennbares Vorzeichen umfiel, liege bereits mehr als zehn Jahre zurück. Der Pilz habe den Wurzelhals damals offensichtlich so schnell zersetzt, dass er die zur Fortpflanzung notwendigen Fruchtkörper noch gar nicht ausgebildet hatte. Möglicherweise sei dies auch bei der Kastanie im Stadtparkweg der Fall gewesen.

 Die städtische Rechtsabteilung bleibt vor dem Hintergrund bei ihrem Urteil: Ergebe die „Körpersprache des Baums“ kein Warnsignal, bestehe auch keine Haftung des Verkehrssicherungspflichtigen. Für Gudrun Kaiser klingen diese Einschätzungen absurd. „Bei einer anderen Kastanie hat der Mitarbeiter des Grünflächenamtes im September Baumkrebs diagnostiziert, die Wurzel aber für gesund erklärt. Davon glaube ich kein Wort“, sagt sie und zeigt auf das betroffene Exemplar. Mit etwas Pech könnte dieser Baum ebenfalls in Richtung ihres Grundstücks umkippen.

 Gudrun Kaiser sagt, ihr gehe es nun ums Prinzip und nicht mehr ums Geld. Aus diesem Grund hat sie jetzt eine Anwaltskanzlei eingeschaltet. Dass diese den in Stadtkreisen wohlbekannten Namen Tovar trägt, ist eine kleine Ironie am Rande.

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